Jean-Paul Sartres „Die schmutzigen Hände“ vom Marburger Landestheater bei den Hessischen Theatertagen

Wenn man sich selbst sieht

Radikal gut: Annette Müller als Jessika und Daniel Sempf als Parteisekretär. Foto: nh

Kassel. Die Bühne ist mit Spiegelfolie beklebt. Wenn die Zuschauer Platz nehmen, sehen sie sich selbst. Eine Masse Mensch sitzt einer anderen Masse gegenüber. Man sucht sich selbst. Wenn das Licht ausgeht, unterhalten sich zwei Darsteller über die Köpfe des Publikums hinweg. Hugo hat einen Menschen getötet, um der Partei zu dienen, ein politischer Mord aus Überzeugung.

Das Unten und Oben ist aufgehoben in der Marburger Inszenierung André Rößlers von Jean-Paul Sartres „Die schmutzigen Hände“. Die Schauspieler des Hessischen Landestheaters Marburg spielen im hell erleuchteten Zuschauerraum. In grünen Adidas-Anzügen klettern sie über die Sitzreihen, verteilen Flugzettel, argumentieren von den Seiten aus.

Mit einem radikalen Zugriff bringt der junge Regisseur das eher papierene Stück des Existenzialisten über die Frage von Ideal und Wirklichkeit, die Frage nach der Entscheidung des Einzelnen mitten hinein in die Zuschauer. Die Schauspieler fragen das Publikum: „Was würdet ihr tun?“ Einen Menschen töten? Die Spiel-im-Spiel-Ebene schafft vielfältige Irritationen.

Ein schlüssiges Regiekonzept und vier junge Schauspieler zwingen dem 1948 geschriebenen Stück zeitnahe Präsenz ab: Den intellektuellen Anarchisten Hugo, der nicht schießen kann und dann doch tötet aus Eifersucht, spielt Sven Mattke mit trotziger Selbstbehauptung, seine Frau Jessika gibt Annette Müller als mal sexy, mal lebenskluges Mädchen, eine, die mehr versteht, als sie scheint.

Der Parteisekretär Hoederer wird von Daniel Sempf mit Realismus und Ironie ausgestattet. Und Oda Zuschneids Olga ist ganz aufrechter Parteisoldat.

Viel Applaus im fast ausverkauften Schauspielhaus für das Marburger Theater.

Von Juliane Sattler

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