Wenn die Stimmung kippt

Premiere von "Wir sind keine Barbaren" im Jungen Theater in Göttingen

Nachbarn: Der eintönige Alltag von Agnes Giese (von links) und Karsten Zinser als Barbara und Mario sowie Peter Christoph Scholz und Linda Elsner als Paul und Linda gerät aus den Fugen, als Barbara kurzentschlossen einen Flüchtling aufnimmt. Foto: Heise

Göttingen. Flüchtlingsthemen sind in. So hat auch das Junge Theater Göttingen „kurzfristig“, wie Intendant Nico Dietrich betonte, das Stück „Wir sind keine Barbaren“ von Philipp Löhle in den Spielplan aufgenommen. Jetzt feierte das JT Premiere vor einem begeisterten Publikum.

Uraufgeführt wurde das Stück Anfang 2014 am Theater Bern, dessen Hausautor Löhle damals war, just am Tag, als die Schweizer über „Einwanderungskontingente“ abstimmten. Eine zeitliche Punktlandung also. „Wir sind keine Barbaren“ wird aber seine Brisanz sicher so bald nicht verlieren.

In der boulevardartig aufgemachten schwarzen Komödie wird das Kleinbürgeridyll zweier benachbarter Ehepaare durch das plötzliche Auftauchen eines hilfesuchenden Flüchtlings, den Barbara kurzentschlossen bei sich aufnimmt, tüchtig durcheinandergerüttelt. Barbara und Mario haben sich in ihrer Ehe eingerichtet, statt Sex zu haben, futtert Barbara Torte und lauscht sehnsüchtig den eindeutigen Geräuschen der neuen Nachbarn. Agnes Giese brilliert in dieser Rolle in einer Mischung aus resignierter Frustration, noch wachen Wünschen und übersteigertem Gutmenschentum. Karsten Zinser ist als ihr Ehemann ein das Leben hinnehmender, freundlicher Zeitgenosse, jedoch blind für die Wünsche seiner Frau.

Nur die Auseinandersetzungen mit den jungen Nachbarn über Nichtigkeiten wie die Wahl des richtigen Getränks beim Kennenlernen bringen Leben in den eintönigen Alltag. Linda, die quirlige Fitnesstrainerin (wunderbar: Linda Elsner, mit gymnastischen Übungen ständig in Bewegung) und ihr immer am Spaßlimit agierender Ehemann Paul (herrlich hyperaktiv: Peter Christoph Scholz) leben völlig egozentrisch und reagieren mit massiver Abwehr auf den im Haus aufgenommenen Flüchtling.

Dessen Identität bleibt verborgen, heißt er nun Klint oder Bobo, ist er aus Afrika oder Asien? Er tritt auch nicht auf, sondern dient lediglich als Projektionsfläche der Paare für ihre aus Ängsten, Schuldgefühlen und erotischen Wünschen bestehenden Fantasien.

Alles gerät völlig aus den Fugen, als Barbara ermordet wird, der Täter in der Person des Fremden selbstverständlich für alle sofort feststeht, aber Barbaras Schwester Anna (ebenfalls Giese) nach dem wahren Täter sucht.

Die sehr spartanisch nur mit einem weißen Türbogen und einem Kühlschrank bestückte Bühne (Susanne Ruppert) bietet viel Entfaltungsmöglichkeiten für die Schauspieler und die Wirkung der mit spitzer Feder geschriebenen Dialoge.

Zusätzliches Dynamit erhält die Aufführung durch einen mehrmals auftretenden, aus neun Laienspielern bestehenden Chor. Mit aggressiver Wucht skandierend beschwört er das „Wir-Gefühl“ („Wir sind das vollkommene Volk“, „Wir sind reich“, „Wir haben Angst“) und steigert damit die vermeintliche Volksstimmung nahezu ins Unheimliche.

Tobias Sosinka hat das über fast zwei Stunden gehende Stück mit Schnelligkeit und großem Spannungsbogen inszeniert. Auch wenn die köstlichen Dialoge gefahrlos hier und da hätten gekürzt werden können, war es ein nicht nur unterhaltsamer, sondern auch abwechslungsreicher und aufrüttelnder Theaterabend.

Nächste Termine: 15., 24.3., 2., 9., 23.4., Karten: Tel. 0551/ 495015. www.junges-theater.de

Von Carmen Barann

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