Mittelalter-Krimi auf der Bühne der Stiftsruine

Bad Hersfelder Festspiel-Premiere: "Der Name der Rose"  

Eindrucksvolle Gruppenszene: Die Mönche entdecken die Leiche eines Mitbruders. Fotos: Iko Freese/ Drama-Berlin/ nh

Bad Hersfeld. Im Halbdunkel huschen braun gewandete Gestalten durch die mittelalterlichen Gemäuer. Ihre Sandalen machen kein Geräusch, die Kapuzen der Mönchskutten sind tief ins Gesicht gezogen. Gregorianischer Mönchsgesang erklingt in den romanischen Kirchenmauern. Und die Steine der Bad Hersfelder Stiftsruine leuchten im flackernden Feuerschein.

Stimmungsvolle, große Bilder hat Regisseur Holk Freytag für seine Festspiel-Inszenierung von „Der Name der Rose“, dem berühmten Mittelalter-Roman von Umberto Eco, gefunden. Die klösterliche Schreibstube mit steilen Holzpulten und Federkielen, die Schlafpritschen an den Seitenwänden, das Kirchengestühl unter den Fensterbögen.

Doch das Problem der bei der Premiere am Samstag freundlich beklatschten Inszenierung nach Claus J. Frankls Bühnenfassung: Sie arbeitet nicht einen Grundgedanken klar heraus. Franziskanerbruder William von Baskerville (analytisch-kühl: Bernd Kuschmann, der kurzfristig für Hans Peter Korff eingesprungen war) und sein Schüler Adson (Cyril Sjöström liebenswert scheu), die 1327 in der Abtei zu Gast sind, haben mehrere Mönchsmorde aufzuklären, die mit der Klosterbibliothek in Beziehung stehen: Zu viel Wissen kann tödlich sein. Soll also vor allem die Krimihandlung im Kloster erzählt werden?

Oder geht es hauptsächlich um den politischen Streit der Geistlichen über die Deutung biblischer Inhalte und daraus resultierende politische Folgen (War Christus reich, darf folglich die Kirche reich sein)?

Oder aber geht es um die philosophische Frage nach der Bedeutung von Wissen? Umberto Eco behandelt in seinem komplexen Roman all das. In einer gut zweistündigen Inszenierung ist dies nicht möglich. So wird die Produktion leicht unübersichtlich und überfrachtet. Dass die Mönche der Reihe nach sterben, ist dramatisch-schön bebildert (Bühne: Diana Pähler), ein Spannungsbogen entsteht in der ersten Hälfte des Abends kaum.

Die philosophischen Dispute und das machtpolitische Ringen, das Freytag mit aktuellen europa- und weltpolitischen Bezügen unterfüttert, sind außerdem so verknappt, dass den gelehrten Texten schwer zu folgen ist. Vorkenntnisse empfehlenswert.

Zu den Höhepunkten gehören die Ketzeranklage des Inquisitors Bernard Gui (ausdrucksstark: Markus Gertken) und komödiantische Randszenen mit dem vielsprachigen Koch Salvatore („Machen tutti mio Wünsche true“) der von Lars Weström gespielt wird, Polizist in der TV-Serie „Um Himmels Willen“. Serienkollegin Emanuela von Frankenberg spielt den blinden Greis Jorge, den Hüter der Bibliothek, mit Stock und weißem Fusselbart (Kostüme: Michaela Barth). Eine Regieentscheidung, die sich einlöst: Die Frau im Männergewand macht die Andersartigkeit des unergründlichen Wissenswächters spürbar. Nur sollte von Frankenberg einfach wie eine Frau sprechen, nicht so betont maskulin.

Etwas plötzlich erkennen am Ende William und Adson, was das tödliche Geheimnis der Bibliothek ist. Diese Zentrale des Wissens ist im Buch ein bewachtes Gelehrsamkeits-Labyrinth. Holk Freytag hüllt sie als erhabene Kathedrale des Geistes in dichten Nebel und braucht in diesem überzeugenden Schlussbild in der Bad Hersfelder Stiftsruine keinerlei Bücherregale. Jorge ist bei seiner letzten gefährlichen Tat nur noch als Schattenriss zu sehen - und dann lodern schon meterhohe Flammen durch die Ruinenfenster.

Bad Hersfelder Festspiele bis 6.8., Karten: 06621-400755.

Von Bettina Fraschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.