Die neue Ausstellung im Kunstverein „Hausbesuche“ stellt die Lieblinge seiner Mitglieder vor

Werke, die Kassel wertschätzt

Graffiti aus aller Welt als Stickerei: Das 30-teilige „Gruß aus...“ von Angela Behrendt.

Kassel. Eine Holzkiste von Joseph Beuys und das stattliche Porträt einer Familie in Öl, eine Bronzeplastik, Fluxuskunst und Zeichnungen des alten Kassel - eine auf den ersten Blick verwirrende Vielfalt zeigt die überbordende Ausstellung „Hausbesuche“ im Kasseler Kunstverein, die morgen, 11 Uhr, eröffnet wird.

Es ist eine ungewöhnliche Schau vor besonderem Hintergrund: 175 Jahre ist der Kunstverein in diesem Jahr alt. Im Lauf der vergangenen Monate wurden künstlerische Positionen früherer und aktueller Mitarbeiter sowie Design und Fotografie von drei herausragenden Künstlern gezeigt, die ihre Anfänge in Kassel hatten und anderswo berühmt wurden.

Jetzt sind die Mitglieder selbst am Zug. Der Vorstand des Kunstvereins hat im Sommer über 400 Menschen angefragt, ob sie ein Kunstwerk von zu Hause als Leihgabe zur Verfügung stellen würden. Jedes Vorstandsmitglied absolvierte über 50 Hausbesuche, die der Schau den Titel gaben.

Entstanden ist mit 300 Werken von über 200 Künstlern ein stilistisch und motivischer Querschnitt dessen, was die Kasseler wertschätzen, Kunst, an der sie hängen, mit der sie leben. Zu sehen sind große Namen - neben Beuys etwa Gerhard Richter, Dalí, Christo, Hans Haacke, aber auch Blätter mit persönlicher Widmung, Kinderzeichnungen und Plakate. Alle Medien sind vertreten, Gemälde wie Objekte, Videoarbeiten wie Konzeptkunst. Gehängt wurde alphabetisch, nach den Namen der Leihgeber. Das schafft oft kuriose Nachbarschaften.

„Hinter jeder Arbeit steckt eine Geschichte“, sagt Bernhard Balkenhol, der Vorsitzende des Kunstvereins. Da liehen Eltern ein Werk ihrer Tochter aus, die erfolgreich ihren Weg als Künstlerin gegangen ist (Nataly Hocke). Da gaben Künstler ausgerechnet ihre eigenen Werke in den Kunstverein. Ex-Bundesfinanzminister Hans Eichel stellte eine Zeichnung von seinem Vater zur Verfügung. Das älteste Bild ist eine Pygmalion-Darstellung von Johann August Nahl (um 1800).

In der Ausstellung spiegeln sich documenta-Geschichte (wie in den Resten eines Kabinetts von Sol Lewitt, 1982) und die Historie des Kunstvereins selbst wider, indem auf frühere Ausstellungen Bezug genommen wird. Vertreten sind prägende Figuren der Kasseler Kunstszene wie Karl Oskar Blase, Adolf Buchleiter, Volker Hinniger, Klaus Müller-Domnick und Maarten Thiel.

Es gebe in Kassel ein kunstinteressiertes, aufgeschlossenes Bildungsbürgertum, lautet Balkenhols Fazit. Manchmal hätte er gern 20 Bilder auf einmal mitgenommen. Manches war den Mitgliedern aber auch zu kostbar, um es außer Haus zu geben (etwa Picasso, Warhol oder Corinth) - weil sie das Risiko scheuten oder weil sie die leere weiße Fläche über dem Sofa nicht ertragen wollten.

Von Mark-Christian von Busse

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