Der junge Regisseur Gernot Grünewald dekonstruiert Sophokles’ „Antigone“ am Jungen Theater

Werkstattstopp für eine Tragödie

Duell der Ideologien: Jan Reinartz als König Kreon und Henrike Richters als Antigone. Foto:  Eulig

Göttingen. Gernot Grünewald spult „Antigone“ zurück. Der Regiestudent der Theaterakademie Hamburg präsentiert im Jungen Theater in Göttingen eine zerstückelte Version des antiken Dramas, die mit dem Ende beginnt, und sich Szene für Szene zum Anfang zurückarbeitet. Sophokles, dekonstruiert. Die knapp 90-minütige Premiere am Freitag wurde heftig beklatscht.

Zum leichteren Einstieg stehen die fünf Darsteller anfangs an der Rampe und referieren die Handlung dieser Tragödie um den Konflikt zwischen Gesetz und persönlichen Wertmaßstäben. „Das Stück beginnt“, sagen sie und kündigen die einzelnen Szenen an. Dazu kommunizieren sie mit der Bühnentechnik, geben Kommandos zur Veränderung des Lichts, lassen sich ihren Text auf Folien an zwei Wände werfen und rufen der im Publikum sitzenden Projektionstechnikerin zu, wann sie die Folien wie verschieben soll, „ich muss den letzten Satz nochmal lesen“. Antigone in der Schauspielwerkstatt.

Gespielt wird auf rostigen Metallplatten, zum Rechteck gelegt und mit grobem Sand bestreut (Ausstattung: Martin Käser). Das Ensemble trägt heutige Kleidung - Cargohosen, Wollmütze - und schnallt sich ab und zu antikisierende Masken auf die Hinterköpfe.

Henrike Richters spricht ihre Zeilen als Antigone manchmal auch gar nicht. Dann läuft auf der Rückwand zum Mitlesen ihr Text, doch sie steht stumm vor dem Mikro. Oder scharmützelt sich mit ihrer Schwester Ismene (Anne Düe) und sie sagen dabei Sätze von Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin - Thema: wie weit Widerstand gehen darf und muss - „die Systemfrage zu stellen, ist legitim.“

Die Schauspieler bewältigen diese Werkstattarbeit souverän - blitzschnell wechseln sie zwischen der Verkörperung einer Figur und der Reflektion über diese Figur. Intensiver Höhepunkt: Die Auseinandersetzung Antigones mit König Kreon (Jan Reinartz) - fast körperlich spürbare Spannung in der Luft. Auch spielt das Ensemble mit der Fallhöhe vom Tragödienton zur heutigen Sprache, wenn etwa Kreon seinen Sohn Haimon (Florian Lenz) auf seine politische Linie einnorden will. Haimon findet das „heftig, Papa“, und die beiden verfallen in Vater-Sohn-Kumpelei, knuffen sich, tollen herum zu Amy MacDonalds Popsong „This is the life“. Und immer wieder versucht Seher Theresias (Agnes Giese), sich Gehör zu verschaffen. Mit dem Rückwärts-Erzählen erzielt Grünewald eine erhöhte Aufmerksamkeit für die Knackpunkte in den Szenen, für jene Momente, in denen die Haltung der Figuren sichtbar wird, ihr Antrieb. Das steht im Fokus, nicht der Handlungsfortschritt.

Den Darstellern ist es zu verdanken, dass der Abend trotzdem abgerundet wirkt, und nicht wie eine Probe. Trotzdem bleibt die Frage, ob jeder Verfremdungseffekt erforderlich ist. Denn gerade die Fremdtexte rauschen beim ersten Hören doch sehr schnell vorbei. Dafür wären mehr sinnliche Momente ein gutes Gegengewicht gewesen. Und am Schluss sagt Anne Düe als Ismene: „Ich gehe jetzt, ich hab nämlich keinen Text mehr. Ich danke dem Regisseur, dass ich die Szene noch hatte.“

Wieder am 2., 3., 5.2., Karten: 0551-495015.

Von Bettina Fraschke

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