Wertvolle Handschriften: „Ich bin immer Detektivin“

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Jeden Tag Überraschungen möglich: Brigitte Pfeil an ihrem Arbeitsplatz.

Brigitte Pfeil ist von mittelalterlichen Handschriften fasziniert: Neulich hatte die stellvertretende Leiterin der Kasseler Handschriftensammlung das Fragment eines Preisliedes auf den Sieger der Schlacht von Seckenheim 1462 zu edieren, also so zu katalogisieren, dass es für die Forschung genutzt werden kann.

Das Wasserzeichen gab ihr den entscheidenden Anhaltspunkt. Sie konnte bestimmen, aus welcher Werkstatt das Papier kam. Die entsprechende Datenbank spuckte unter 13.000 Einträgen einen Treffer aus.

Die in einer Heidelberger Handschrift gefundenen, zerfetzten Stücke stammen etwa von 1465 aus dem Umkreis des Hofes von Württemberg, also gewissermaßen „aus dem Lager des Feindes“. Denn bei der Schlacht unterlag Ulrich von Württemberg dem Kurfürsten Friedrich der Pfalz, der prompt den Beinamen „der Siegreiche“ bekam. „Da sind Sie mitten in der Geschichte des 15. Jahrhunderts“, sagt Pfeil, und zwar an einem wichtigen Wendepunkt: Die Schlacht entschied über die Macht am Oberrhein.

„Als Mediävistin bin ich immer Detektiv“, sagt Pfeil. Meist hat sie Bruchstücke in den Händen. Die Kunst bestehe darin, plausible Fäden zu knüpfen, logische Verbindungen herzustellen, damit ein tragfähiges Netz entsteht, sich ein Gesamtbild erschließt. Annahmen, Optionen, die von einer weltweiten Forschergemeinschaft infrage gestellt oder weiterentwickelt werden.

„Handschriftenforschung ist Spezialistentum“, sagt Pfeil. Und zwar ein meist einsames: „Sie sitzen allein am Schreibtisch.“ Trotzdem funktioniere nichts ohne persönliche Kontakte, ohne Teamarbeit. Man helfe einander, baue sich ein Netzwerk auf, auf das man sich verlassen könne. Die wenigen hundert Experten treffen sich ab und zu auch auf Kongressen. Der Kreis werde stetig kleiner, sagt Pfeil, weil die Voraussetzungen, Latein und Spezialkenntnisse, seltener würden.

Die Kasseler Sammlung, die Pfeil „mittelständisch“ nennt, besteche durch ihre „unglaubliche Breite“. Keine Sammlung in Deutschland habe so viele Schriften aus der Zeit vor dem Jahr 1000. „Hier haben Sie alles. Jeder findet hier sein Steckenpferd.“ Das sei reizvoll, weil man täglich Neues entdecken könne, es könne aber auch eine Überforderung darstellen: „Sie müssen zu allem etwas wissen.“ Man dürfe nicht zum Fachidioten werden.

„Als kleine Bibliothek können wir nur punkten, indem wir möglichst viel ins Netz stellen“, sagt Pfeil. Meist ist sie als Editionsphilologin „Dienstleister für die Forschung“. Das heißt, sie erfasst nach internationalen Standards Einband, Papier, Schrift, Bilder und um welche Texte es sich handelt. In der Regel hat sie 14 Tage pro Band. „Ich muss aufhören, wenn es in die Tiefe geht“, sagt Pfeil, „ich lese die Bücher nicht durch“. Um so besser, wenn es ein Wasserzeichen gibt. Bei Pergament, der so attraktiven, für Laien faszinierenden Haut des Schafes als Grundlage, sei eine Datierung nie so genau möglich wie bei Papier.

Hintergrund

Die Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek betreut den historischen Bestand der Landesbibliothek und Murhardschen Bibliothek der Stadt Kassel. Neben den mehr als 10.000 Handschriften befinden sich im Gebäude am Brüder-Grimm-Platz 4a Drucke der landgräflichen Hofkapelle, Bestände der Hofbibliothek Arolsen und wertvolle Nachlässe. Schwerpunkte der Forschungsliteratur sind Theologie des Mittelalters sowie Alchemie und Geschichte der Medizin.

Kontinuierlich werden die Bestände digitalisiert. Die online gestellten Handschriften und Musikalien sind auf dem Dokumentenserver ORKA (für „Open Repository Kassel“, das steht für offen zugängliches Archiv) einsehbar. Unter

http://orka.bibliothek.uni-kassel.de kann man unter dem Stichwort Sammlungen stöbern. Die schönsten und wertvollsten Stücke werden gewöhnlich in einer Dauerausstellung gezeigt, die aber wegen der bevorstehenden umfangreichen Sanierung der Bibliothek bereits geschlossen ist. Wir stellen deshalb in den nächsten Monaten in loser Folge Höhepunkte der Handschriften vor. (vbs)

Kontakt: Tel. 0561/804-7337,
bb6@bibliothek.uni-kassel.de

Zur Person

Dr. Brigitte Pfeil (47, verheiratet), stammt aus Andernach am Mittelrhein. Sie studierte in Mainz Germanistik und Geschichte und war lange eher von neuerer Literatur begeistert, bis sie vor dem Examen die Mediävistik (Mittelalterkunde) und Handschriftenkunde als Interessensgebiet entdeckte. Pfeil schrieb ihre Dissertation über Literatur und Frömmigkeitsgeschichte des 12. Jahrhunderts anhand eines geistlichen Textes: „Die ,Vision des Tnugdalus’ Albers von Windberg“. Für die Uni- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalts in Halle-Wittenberg erarbeitete Pfeil ab 2002 einen Katalog der deutschen und niederländischen Handschriften des Mittelalters, ehe sie in der Unibibliothek Erfurt/Gotha die „Bibliotheca Amploniana“ erforschte, die größte fast geschlossen erhaltene Handschriftensammlung eines spätmittelalterlichen Gelehrten weltweit. Pfeil ist Stellvertreterin von Dr. Konrad Wiedemann, Leiter der Handschriftenabteilung in Kassel.

Von Mark-Christian von Busse

Magnificat-Vertonungen des Landgrafen 

Woher stammen die winzigen, amüsanten Gesichter in den Initialen der Magnificat-Vertonungen von Landgraf Moritz (1572-1632)? Für Kritzeleien gelangweilter Schüler sind die Köpfe zu sorgfältig, auch war die Prachtausgabe zu wertvoll, um sie durch solche Gags zu „verunstalten“. Ein Rätsel. Moritz der Gelehrte erweist sich in der auf 1600 datierten A-Cappella-Musik zum Lobgesang der Maria - 75 Blätter im riesigen Format von fast 60 mal 40 Zentimeter - als Komponist, der noch im mittelalterlichen Stil verwurzelt ist. Moritz hat für die Vertonung in den zwölf Kirchentonarten je vier Stimmen gesetzt. Wenige Jahre später wird Heinrich Schütz mit einem Stipendium des Landgrafen bei Giovanni Gabrieli mit der venezianischen Mehrchörigkeit einen neuen Klangreichtum entdecken und übernehmen - Moritz’ Musik, für Brigitte Pfeil eine „hochwertige Fingerübung“ nach einem festgelegten System der Melodieführung und Notenlängen, hat sich nun überholt. Vielleicht haben die Schüler am „Mauritianum“ mit diesen Noten noch Musikgeschichte gelernt. Modern aber ist jetzt Schütz. (vbs)

Hier: Magnificat-Kompositionen im Netz 

Sammlung des Straßburger Fischers Leonhard Baldner

Das „Vogel-Fisch- und Thierbuch des Strassburger Fischers Leonhard Baldner aus d. Jahre 1666“ in Kasseler Besitz ist das am besten erhaltene von drei oder vier Exemplaren, die angefertigt wurden. Eine frühe Form des heutigen „Books on Demand“-Prinzips, erläutert Brigitte Pfeil. Baldner legte über 20 Jahre mit zahlreichen Präparaten eine Sammlung zur Tierwelt der Rheinauen an, dann ließ er in einer Werkstatt seine Enzyklopädie mit Buchmalereien und seinen erläuternden Texten schreiben. Und zwar nicht zu akademischen Zwecken, sondern „zum eigenen Pläsier“, wie Pfeil sagt.

„Das war nicht billig“, weiß Pfeil, aber wer im 17. Jahrhundert Fischrechte besaß, konnte durchaus wohlhabend werden. Baldner habe über 30 Jahre viel Eifer und Liebe, Geduld und Ausdauer in dieses Projekt gesteckt. Seinen Stolz macht auch der Untertitel deutlich: „recht natürliche Beschreibung und Abmahlung der Wasser Vögel, Fischen, vierfüesigen Thier, Insecten, und Gewürm, so bey Straßburg in den Wassern gefunde werden, die ich selber geschoßen und die Fisch gefangen, auch alles in meiner Handt gehabt“. Baldner vermachte den Band, als er 82-jährig starb, seinem 14 Jahre alten Sohn - dem jüngsten von 16 Kindern in vier Ehen. Pfeil schwärmt von der „unglaublichen Vielfalt“ des Buchs, auch von Baldners genauen Augen. Tatsächlich ist die Präzision all der Enten, Gänse, Fische, Krebse, Wasservögel, von Otter und Biber phänomenal. (vbs)

Hier: Vogel-, Fisch- und Thierbuch

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