Nachtseiten der Aufklärung: Die großartige Schau „Schwarze Romantik“ im Städel

Wettbewerb des Grauens

Sinnbild der Schwarzen Romantik: Johann Heinrich Füsslis (1741–1825) „Der Nachtmahr“ 1790/91.

Frankfurt. „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ - Francisco de Goyas Radierung von 1797, die einen sitzenden, von Eulen, Fledermäusen und Katzen bedrängten Schlafenden zeigt, ist der paradigmatische Abgesang auf das Zeitalter der Vernunft.

Der Terror nach der französischen Revolution und die grausamen napoleonischen Kriege machten endgültig klar, dass „die Welt kein Arkadien ist“ (Hölderlin). Hieraus erwuchs eine skeptische Geisteshaltung, die zu Beginn der Moderne die Künste und die Literatur erfasste und sich in Darstellungen von Gräberfeldern, Ruinenlandschaften, Nachtmahren und Hexen, Teufeln, Vampiren und satanischen Mönchen, Melancholie, Wahnsinn, Grauen und Alpträumen manifestierte.

Diesem wahrlich monströsem Themenkomplex widmet das Frankfurter Städel Museum die faszinierende Ausstellung „Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst“ mit über 200 Gemälden, Grafiken, Plastiken und frühen Filmen.

Erster Blickfang ist Johann Heinrichs Füsslis Gemälde „Der Nachtmahr“ (1790/91) als Sinnbild der Schwarzen Romantik: Eine mit einem weißen Gewand bekleidete Schöne liegt überdehnt auf einem Divan. Auf ihrer Brust hockt eine gnomenhafte Gestalt, ein Pferd starrt mit leuchtenden Augen auf die düstere Szenerie und ist zugleich deren Teil. Auf der rückwärtigen Wand wird eine Szene aus James Whales „Frankenstein“-Verfilmung (1931) gezeigt. Damit wird gleich zu Beginn der Bogen ins 20. Jahrhundert geschlagen und gezeigt, wie sich die kühnen Visionen der Romantiker im kollektiven Gedächtnis festgesetzt haben.

Die stille Seite romantischen Unbehagens: Caspar David Friedrichs „Kügelgens Grab“ (1821/22). Fotos:  Städel Museum

Auch die Wirkung Goyas ist ungebrochen. Vor allem „Die Schrecken des Krieges“ oder die Kannibalen-Bilder sind suggestive Sinnbilder für das Grauen schlechthin, die die französischen Romantiker - etwa Eugène Delacroix, Theodore Géricault oder Antoine Joseph Wiertz - beeinflussten. Besonders beeindruckend ist die Auswahl von dunklen visionären Zeichnungen und Tuschebildern des Romanciers Victor Hugo. Die deutschen C.D. Friedrich, Ferdinand Oheme, C. G. Carus oder Carl Friedrich Lessing betonen überwiegend die stille Seite des romantischen Unbehagens. Die Kontemplation der deutschen Romantik, die Drastik Goyas und der Franzosen gehen gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Symbolismus und im 20. Jahrhundert im Surrealismus, der die Traumerfahrung mit einbezieht, eine beeindruckende Synthese ein.

Man gewinnt den Eindruck, dass die Künstler einander mit immer drastischeren Darstellungen von Gewalt, Erotik, und Wahnsinn zu überbieten suchten. In dieser Hinsicht bildet der Schnitt durch das Auge mit dem Rasiermesser („Ein andalusischer Hund“, 1929) einen Höhepunkt des Grauens. Die Filmsequenz von Bunuel und Dalí wird von einem mit einem Warnhinweis versehenen Vorhang verdeckt.

Wer sich fragt, wo gegenwärtiger Twilight-Kitsch und Zombie-Horror ihre Anfänge haben, wird im Städel und im ausgezeichneten Begleitkatalog eine Antwort finden.

Bis 20. Januar. Di, Fr bis So 10-18 Uhr, Mi und Do 10-21 Uhr. Katalog: 34,90 Euro. www.staedelmuseum.de

Von Andreas Gebhardt

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.