Ein wehmütiger Blick zurück

Wetten, dass es nie mehr so wird? - ZDF-Show war Lagerfeuer der Nation

Der Erfinder: Frank Elstner am 27. Juni 1981 in Siegen. Fotos: zdf

So etwas wie „Wetten, dass .. ?" wird es nie wieder geben im deutschen Fernsehen. Die ZDF-Show revolutionierte die TV-Unterhaltung und war das Lagerfeuer der Nation. Ein wehmütiger Blick auf eine 34 Jahre dauernde Ära, die heute endet.

DIE REVOLUTION 

Die Geschichte von „Wetten, dass ..?“ beginnt in einer Nacht irgendwann 1980, als Frank Elstner nicht schlafen kann. Der Moderator grübelt über die Frage, warum im Fernsehen nicht gewettet wird. Elstner setzt sich mit einer Flasche Rotwein an den Küchentisch, erfindet die Saal- und die Außenwette. Als die Flasche leer ist, steht das Konzept für eine TV-Revolution.

Bis dahin gab es im deutschen Fernsehen große Showmaster wie Hans-Joachim Kulenkampff, ihre Sendungen wie „Einer wird gewinnen“ sind trotzdem bieder. Von heute aus betrachtet, sehen sie aus wie eine Parodie. „Wetten, dass ..?“, das der ARD-Mann Elstner dem ZDF anbietet, ist leichter und lässiger. Die öffentlich-rechtliche Show war ein Vorgeschmack auf das, was uns im Privatfernsehen erwartete.

In der ersten Sendung am 14. Februar 1981 bläst ein gewisser Hans Oßner eine Wärmflasche mit dem Mund auf und bringt sie zum Platzen. Es war der Urknall einer neuen Art der TV-Unterhaltung. „Die Stars und die Musik gab es auch schon vorher. Sie hatten mit dem Erfolg der Show nichts zu tun“, sagt Elstner: „Das Neue war, dass hier ein Unbekannter für einen Tag zum großen Star wird.“ Damit hat „Wetten, dass ..?“ sogar das Internet und Youtube vorweggenommen.

DIE HOCHPHASE 

Montags im Büro und in der Schule gab es jahrelang nur ein Gesprächsthema: „Wetten, dass ..?“ Die Show war Deutschlands Fixpunkt am Wochenende, versammelte die Menschen um den Fernseher - nie war die Formulierung vom TV als Lagerfeuer der Nation treffender. Die Mischung aus Spannung, Zuschauerbeteiligung, Showeinlagen und Talk überzeugte über Jahrzehnte. Wie treu die Zuschauer der Show blieben, zeigt die Rekordsendung am 9. Februar 1985, als 23,42 Millionen einschalteten. Auf der Couch: Dieter Hallervorden und Karl Dall.

Unvergesslich bleiben Wetten wie die mit Hund Rico, der 66 Spielzeuge nach Namen finden konnte, den Männern, die Musikstücke am Brustmuskelzucken erkannten oder die Baggerschaufel, die auf einer Ziehharmonika spielte. Im Schnitt sahen über die Jahre zehn Millionen Zuschauer zu.

Die Welt verändert hat Karlheinz Böhm durch „Wetten, dass ..?“: Sein Hilfsprojekt für Afrika startete mit einer Wette in der Show 1981, das dort gesammelte Geld wurde Grundstock seiner gigantischen Hilfsaktion. Stars wie Michael Jackson festigten ihren Erfolg in Deutschland. Showmaster Thomas Gottschalk begeisterte mit seiner Lässigkeit und seiner ungekünstelten Souveränität auf der Bühne und drückte der Show seinen Stempel auf. Auch Details wie seine extravagante Kleidung - Schlangenlederhose, Brokatjacke - prägten die Sendung und sorgten für das in Deutschland offenbar dringend gewünschte Gefühl von Weltläufigkeit und Glamour.

DER NIEDERGANG 

Ein Wendepunkt war der Unfall des Wettkandidaten Samuel Koch am 4. Dezember 2010 beim Versuch, mit Sprungfedern über entgegenkommende Autos zu hüpfen. Der 23-Jährige blieb regungslos liegen, die Sendung wurde abgebrochen. Koch blieb querschnittsgelähmt. Thomas Gottschalk, der schon bittere Kritiken und einen Quotenrückgang zu verkraften hatte, setzte dieses Unglück zu, er verkündete seinen Rückzug von der großen ZDF-Showbühne.

Schon die quälende Nachfolger-Suche zeigte, dass „Wetten, dass ..?“ den Zenit überschritten hatte. Das hat auch, aber nicht nur mit dem fragmentierten Fernsehmarkt, mit der „DSDS“-Konkurrenz und dem Internet zu tun. Markus Lanz fehlte die Spritzigkeit und freche Spontaneität seines Vorgängers, auch die zeitweilige Co-Moderation von Cindy von Marzahn konnte ihm nicht helfen. „Wetten, dass ..?“ war nun die Show, in der Hollywood-Stars wie Tom Hanks mit einer Eselskappe dumm aus der Wäsche schauten oder sich Eiswürfel in den Schritt kippen mussten. Im Februar wollten das nur noch 5,85 Mio. Menschen sehen. Die Zeit der großen Samstagabendshow für alle Generationen ist vermutlich vorbei. Heute verlischt das Lagerfeuer der Nation ganz.

Letzte Show mit „Tatort“-Stars und Samuel Koch

Zu Gast in der letzten „Wetten, dass ..?“-Ausgabe in Nürnberg sind Hollywood-Schauspieler Ben Stiller, die Komiker Otto Waalkes, „Bully“ Herbig sowie die Sportler Wladimir Klitschko, Hermann Maier, Katarina Witt und Moderator Elton. Mit Wotan Wilke Möhring, Til Schweiger und Jan Josef Liefers kommen drei „Tatort“-Ermittler. Musik machen Helene Fischer, die Fantastischen Vier, Unheilig und die texanische A-cappella-Gruppe Pentatonix.

Dann wird Samuel Koch kommen, der nach seiner missglückten Wette querschnittsgelähmte ehemalige Kandidat. „Das Ende von ,Wetten, dass ..?’ ist das Ende eines Lebensabschnitts von mir. Wir verabschieden uns voneinander“, sagt Koch. Er hat eine Schauspielausbildung absolviert und spielt im Staatstheater Darmstadt Kleists „Prinzen von Homburg“. (vbs)

Von Bettina Fraschke, Matthias Lohr und Mark-Christian von Busse

 

Hintergrund

„Wetten, dass ..?“ in Zahlen

• 3.160.100.000 Zuschauer sahen „Wetten, dass ..?“

• 23.302 Bierdeckel wurden als Requisiten verwendet

• 10.077 Gläser kamen bei Wetten zum Einsatz

• Über 10.000 Kartenanfragen gab es pro Sendung für 1400 bis 3500 Plätze, je nach Halle

• 4325 Minuten wurden überzogen. Den Rekord hält Thomas Gottschalk mit 73 Minuten (8. Dezember 1996).

• 1229 Wettpaten gab es

• 1012 Wetten wurden gespielt

• 851 Interpreten und Gruppen traten auf

• 610 Tiere mussten für Wetten herhalten

• 559 Autos spielten bei 69 Wetten eine Rolle

• 214 Sendungen gab es bisher

• 17 Auftritte hatte Musiker Peter Maffay, mehr als jeder andere Künstler

• 12 Mal war die Show Gast in Basel und in Saarbrücken.

• 11 Mal war Schauspielerin Iris Berben Wettpatin.

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