„Das Große Spiel“: Schau zu Archäologie und Kolonialismus

Wettlauf zum Ruhm

Kisten voller Ziegel: Übrig gebliebene Trümmer vom Ischtar-Tor.

Essen. Die Büste der ägyptischen Königin Nofretete und das Ischtar-Tor von Babylon ziehen Hunderttausende an. Sie gelten als „deutsches“ Kulturgut ersten Ranges, obwohl sie aus Nordafrika und dem Vorderen Orient stammen. Wie ist es zu ihrem Erwerb gekommen, wer war beteiligt?

Für Aufklärung sorgt eine opulente Schau im Essener Ruhr Museum. Sie ist die erste, die auf die Verbindung zwischen Archäologie und Politik zur Zeit des Kolonialismus (1860 bis 1940) aufmerksam macht. In theatralischen Inszenierungen werden 25 Biografien deutscher, englischer und französischer Forschungsreisender und Ausgräber vorgestellt. Aufgeboten sind über 800 Stücke: Habseligkeiten der Entdecker, historische Dokumente sowie archäologische Funde aus Nordafrika, dem Vorderen Orient und von der Seidenstraße. Zu den Leihgebern gehören der Pariser Louvre und das Britische Museum von London.

Der Ausstellungstitel „Das Große Spiel“ steht für den Wettstreit der Großmächte um prestigeträchtige Ausgrabungsstätten, deren spektakuläre Funde den Ruhm der Museen in Paris und London bestimmen. Im deutschen Kaiserreich blickte man voll Neid auf die mit Prachtstücken gefüllten ausländischen Häuser und war um Ebenbürtigkeit bemüht. Der von Archäologie begeisterte Kaiser Wilhelm II. unterstützte die Bestrebungen.

Die Schau stellt die vom Londoner Reiseveranstalter Thomas Cook 1898 organisierte Fahrt des Kaiserpaares ins Heilige Land als Medienspektakel vor. Wilhelm II. setzte sich bei Sultan Abdul Hamid II., Herrscher des Osmanischen Reiches, für Grabungen in Babylon und Milet ein. Bei den ab 1899 unter Leitung des Architekten Robert Koldewey in Babylon ausgeführten Grabungen wurden abertausende farbig glasierte Ziegelbruchstücke (6. Jh. v. Chr.) in hölzerne Transportkisten gepackt und nach Erlangung einer Sonderausfuhrlizenz nach Berlin geschickt. Zwei der Kisten sind mitsamt Inhalt ausgestellt. Die Ziegeltrümmer lassen uns erahnen, welch enorme Leistung es war, das Ischtar-Tor und die Prozessionsstraße zusammenzupuzzeln.

Am Ende treffen wir auf den Tropenhelm und die wüstentaugliche Toilettenschüssel des Architekten Ludwig Borchardt. Der 1912 in Amarna gelungene Fund der Büste der Nofretete (um 1338 v. Chr.) war sein spektakulärster. Damals war gesetzlich festgelegt, dass die Funde zwischen Ägypten und den Ausgräbern aufgeteilt werden. Der Ägyptische Antikendienst wählte andere Stücke als die Büste aus. In der Schau ist sie durch eine für Kaiser Wilhelm II. angefertigte Kopie vertreten.

Bis 13. Juni, Gelsenkirchener Straße 181, Essen. Infos: Tel. 0201-8845200, www.ruhrmuseum.de. Das Begleitbuch (DuMont) kostet 39,90 Euro.

Von Veit-Mario Thiede

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