Das Wettrennen läuft

documenta 14 und Bundeskunsthalle wollen den Gurlitt-Nachlass zeigen

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Beherbergte 250 Kunstschätze: Cornelius Gurlitts verwahrlostes Haus in Salzburg (2013). 

Die documenta 14 und die Bundeskunsthalle in Bonn wollen den Nachlass des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt zeigen. Doch noch steht gar nicht fest, wer das heikle Erbe antreten wird.

Welches Museum wird als Erstes den Nachlass von Cornelius Gurlitt präsentieren - und wann? Diese Frage könnte sich zu einem Kunstkrimi entwickeln - mit derzeit ungewissem Ausgang.

Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der documenta 14, machte im April öffentlich, dass er den „Schwabinger Kunstfund“ 2017 in Kassel zeigen wolle - „in einer stillen Weise“ in der Neuen Galerie, aber doch als zentralen Bestandteil seiner Ausstellung.

Adam Szymczyk

Nun überrascht die Nachricht, dass die Bundeskunsthalle in Bonn Ende 2016 den Gurlitt-Nachlass präsentieren will. Kulturstaatsministerin Monika Grütters kündigte an, eine Ausstellung solle Transparenz schaffen und der Aufklärung dienen, soweit die Herkunft der Bilder nicht geklärt sei. Die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, wie sie offiziell heißt, ist als Haus ohne Sammlung, unbelastet durch eigene Provenienzrecherchen, eine naheliegende Adresse, das heikle Thema in Angriff zu nehmen.

Intendant Rein Wolfs bestätigt die Pläne. Man sei in Gesprächen mit der Taskforce, die die Herkunft der Kunstschätze zu ermitteln versucht, wie mit dem Kunstmuseum Bern, dem Gurlitt sein Erbe vermacht hat. Seit Anfang des Jahres sei er aber auch im Kontakt mit der documenta, sagt der frühere Leiter der Kunsthalle Fridericianum in Kassel: „Ich bin mit Adam Szymczyk im Gespräch.“

Szymczyk begründet sein Vorhaben, eine documenta zeige nicht nur zeitgenössische Kunst, sondern verhandle zeitgenössische Themen. Tatsächlich haben die Erforschung der Kunst-Diebstähle durch die Nazis und die Rückgabe an Nachfahren und Erben der ursprünglichen Besitzer unabhängig vom Fall Gurlitt zuletzt viele Museen beschäftigt und den Kunstmarkt elektrisiert.

Zwischen der berühmten Ausstellung „Entartete Kunst“ 1938 und der ersten documenta 1955 habe Kunsthändler Hildebrand Gurlitt seine Sammlung angehäuft, so der polnische Kurator: Genau jene Zeitspanne, „dieser blinde Fleck, muss untersucht werden“, sagte er im Juli der HNA.

Rein Wolfs

Wolfs nennt die Kasseler Pläne „ein interessantes Konzept“. Szymczyk habe „sehr gute Argumente auf den Tisch gelegt“. Beide Institutionen hätten aber unterschiedliche Aufgaben. Er könne sich gut vorstellen, dass die Gurlitt-Werke auch in Kassel zu sehen sein werden - „auf eine andere Art“: „Es wird nicht die gleiche Ausstellung sein.“ Die Gemengelage sei kompliziert, zunächst gelte es abzuwarten, wer Gurlitts Erbe antritt (siehe Hintergrund unten).

Die documenta teilt mit, die Nachrichten aus Bonn änderten nichts an Szymczyks Wunsch, die Kunstwerke in ihrer Gesamtheit im politischen und ästhetischen Zusammenhang der documenta zu zeigen: „Adam Szymczyk hatte von Anfang an kein Interesse an einer exklusiven oder ersten spektakulären Präsentation. Insofern war die Möglichkeit, dass Teile des Nachlasses auch andernorts gezeigt werden könnten, stets Teil der Überlegungen.“

Auf die Frage, ob eine Art Wettrennen stattfinde, antwortet Wolfs, mit der Nachricht, dass der Gurlitt-Nachlass ans Kunstmuseum Bern geht, hätten sofort die ersten Museumsdirektoren in den Startlöchern gestanden - „auch ich“: „Ein Wettrennen war es von Anfang an und wird es auch bleiben.“

Hintergrund

Cornelius Gurlitt hatte in seiner Münchner Wohnung mehr als 1250 Kunstwerke verwahrt. Später wurden in seinem Haus in Salzburg 250 Arbeiten gefunden, darunter Gemälde von Picasso, Renoir und Monet. Sie stammten von seinem Vater Hildebrand Gurlitt, der trotz seiner teils jüdischen Abstammung einer der wichtigsten Kunsthändler der Nazis war - und eine private Sammlung aufbaute.

Hortete hochkarätige Kunst: Cornelius Gurlitt (1932-2014), Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt (1895-1956).

Ihr weiteres Schicksal hängt nun davon ab, wie der Erbstreit ausgeht. Bekommt das Kunstmuseum Bern - wie von Gurlitt im Testament verfügt - das heikle Erbe? Oder setzt sich Gurlitts Cousine Uta Werner mit ihrem Anspruch durch? Das Oberlandesgericht München lässt in einem psychiatrischen Gutachten Gurlitts Testierfähigkeit klären.

Die Herkunft der Bilder überprüft seit mehr als eineinhalb Jahren eine 15-köpfige Taskforce. Ende 2015 läuft das Projekt aus. „Wir arbeiten bis zum letzten Tag mit Hochdruck“, sagt Taskforce-Chefin Ingeborg Berggreen-Merkel. Bei 507 Werken könne ein NS-verfolgungsbedingter Entzug, wie es im Amtsdeutsch heißt, ausgeschlossen werden. Zu 499 zweifelhaften Objekten soll bis dahin ein Forschungsbericht vorgelegt werden. Bei vielen werde sich die Herkunft nicht klären lassen. In vier Fällen konnte die Taskforce eindeutig nachweisen, dass Werke jüdischen Eigentümern geraubt oder abgepresst wurden. Ein Folgeprojekt soll beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg angesiedelt werden. (dpa)

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