Jung-Regisseur Benjamin Heisenberg im Interview über seinen Berlinale-Film „Der Räuber“

„Wie ein aufgedrehter Kreisel“

Mit seinem Uni-Abschlussfilm „Der Schläfer“ ging er nach Cannes, danach gewann er in Saarbrücken den Max-Ophüls-Preis. Im Wettbewerb der Berlinale präsentierte Benjamin Heisenberg (35) seinen zweiten Film „Der Räuber“, die wahre Geschichte eines Wiener Bankräubers und dessen spektakuläre Flucht. Für das temporeiche Drama wurde Heisenberg bereits mit dem Bayrischen Filmpreis ausgezeichnet. Diese Woche kommt der Film in die Kinos.

Mit welchen Gefühlen geht man als Jungfilmer auf die Berlinale, wie fühlt man sich zwischen Scorsese und Jury-Chef Werner Herzog?

Benjamin Heisenberg: Es ist schon ein fantastisches Gefühl, wenn man auf einmal in einem Atemzug mit diesen großen Namen erwähnt wird - das waren schließlich die Halbgötter meiner Filmsozialisation. Angst habe ich eigentlich keine, weil ich hinter meinem Film stehe. Jetzt bin ich gespannt, wie das Publikum darauf reagiert.

Ihr Held Johann ist ständig am Rennen - ist das Ihre Antwort auf „Lola rennt“?

Heisenberg: Nein, die Lola läuft ja aus Verzweiflung, weil sie kein Mittel zum Fahren findet. Mein Johann läuft nicht aus Verzweiflung, sondern aus seiner Natur heraus. Er braucht diese Art der Fortbewegung einfach und ist beim Laufen ganz in seinem Element - mich erinnert Johann eher an einen Wolf.

Ein bisschen ist „Der Räuber“ also ein Tierfilm?

Heisenberg: Ich sehe Johann als Naturphänomen. Ich habe ihn nie psychologisch betrachtet oder als Konglomerat von Charaktermerkmalen, sondern eher wie ein Tier. Deshalb ist der Film in Teilen wie eine Art Tierfilm gedreht, auch wenn er inszeniert und dramatisiert ist. Es gibt Momente der Beobachtung und der Faszination für ein Wesen, das sich in Gefahr begibt, ganz ohne irgendeine Angst.

Im Unterschied zu Ihnen müssen Regisseure von Tierfilmen ihrem Objekt der Begierde selten so hinterherhetzen - wie viel haben Sie bei dieser Tour de Force abgenommen?

Heisenberg: Ich hatte zum Glück fahrende Untersätze beim Drehen, abgenommen habe ich allerdings etliche Kilo, weil der Dreh insgesamt wahnsinnig in die Knochen ging. Wir hatten allein in den ersten drei Wochen 44 Drehorte, da kann man sich ausrechnen, wie oft man pro Tag den Ort wechseln muss. Aber ich darf mich nicht beklagen, wirklich heftig war es für meinen Darsteller Andreas Lust, der vier Monate vor dem Film wie ein Hochleistungssportler trainiert hat.

Was fasziniert Sie am „Beruf“ Bankräuber?

Heisenberg: Als ich den Roman von Martin Prinz gelesen habe, war ich begeistert von dieser ausgeprägten Form der Getriebenheit eines Mannes, der parallel intensiv einen Sport betreibt und den Bankraub wie einen Sport behandelt. Der Typ ist wie ein aufgedrehter Kreisel, der sich immer weiter dreht, bis er doch fallen muss und alles zu einem Ende kommt. Dieses Ankommen, auch als unbewusster Wunsch des Räubers, war eines der Grundmotive für den Film.

Die Wiener Polizei erscheint in Ihrem Film noch dümmer als die Kollegen beim „Tatort“, wie realistisch ist diese Darstellung der Flucht?

Heisenberg: Dieser Fall war für die Wiener Polizei ein harter Brocken, weil vieles schieflief. So wurde der Verhörraum gerade renoviert, deswegen gelang die Flucht durch das Fenster. Bei meinen Gesprächen habe ich gespürt, wie betroffen die Beteiligten bis heute noch sind - die beiden Kommissare im Film sind übrigens echt.

Wie oft werden Sie eigentlich auf Ihren berühmten Großvater mit Nobelpreis angesprochen?

Heisenberg: Klar, ich werde schon oft gefragt, ob ich die Unschärfentheorie erklären kann - aber davon bin ich so weit entfernt wie jede Hausfrau, die nicht Physik studiert hat. Als Laie kann man diese komplexen Zusammenhänge kaum verstehen. Auf meinen Großvater angesprochen zu werden, stört mich nicht. Vor Kurzem kam sogar einmal die Frage: ‚Sind Sie mit dem Regisseur verwandt?’ - das war schon ein echtes Erfolgserlebnis.

Von Dieter Osswald

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