Staatstheater

"Wie es euch gefällt" im Kasseler Schauspielhaus: Magische Reise zum Beginn der Liebe

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Im Schauspielhaus startet Regisseur Philipp Rosendahl mit einer knallig-bunten, aber auch etwas unübersichtlichen Inszenierung von Shakespeares "Wie es euch gefällt" in die Saison. 

Hier und heute ist die Welt ein Hirsch. Ein riesiger Paarhuferkopf bildet das Zentrum der Bühne, die Darsteller erklettern seine Schnauze oder rutschen aufs Näschen hinab, geben Anweisungen vom Geweih herunter und schauen aus den gewölbten Augenhöhlen heraus wie aus einem Raumschifffenster. Die großartige Raumgestaltung von Katharina Faltner prägt die Eröffnungsinszenierung am Kasseler Staatstheater. Am Samstag hatte William Shakespeares „Wie es euch gefällt“ Premiere.

Philipp Rosendahl inszeniert die Komödie als Reise in den Ursprung des Liebens. Wo beginnt die Liebe im Gefühlskosmos eines Menschen? Von welchen Konventionen ist geprägt, wen ich mir zu lieben auswähle? Wie frei sind wir innerlich, uns zu erlauben, wirklich so zu fühlen, „wie es uns gefällt“?

Diese thematische Zuspitzung mündet in einen manifestartigen Text ganz am Ende, als Dramaturg Thomaspeter Goergen in Gestalt von Hymen, dem Gott der Hochzeit, Paare vermählt, und Shakespeare mit eigenen Worten zum Thema Gender und wie die Welt sein sollte, ergänzt: „Mit weniger Tom Hanks und weniger Mormonen, mit flachen Schuhen. schillernden Hormonen, mehr Beyoncé, Kanye West auf offener Straße, mehr Pussy Riot, Drag Kings, Seifenblase.“ Sicher ist das toll formuliert und inhaltlich passend, es ist nur total predigthaft und wirkt aufgesetzt neben den seit über 400 Jahren unsterblichen Originalworten. Im Stück steckt ja nun mal alles bereits drin.

Auf dem Hirschkopf: Sandro Sutalo (Orlando) und Christina Weiser (Jacques, ein melancholischer Lord).

Nach einem ziemlich zähen Beginn am Hof des autoritären Herzogs Frederick (Philipp Basener in herrlich irrlichternder Wut) wandern die verbannte Rosalind (Amelie Kiss-Heinrich) und ihre Cousine Celia (Alexandra Lukas als Mangamädchen mit blauem Zopf) in den geheimnisvollen Ardenner Wald, wo der verjagte Herzog (Caroline Dietrich mit komödiantischer Brillanz) eine utopische Gesellschaft im Exil aufgebaut hat.

Mit hohem Tempo und viel Energie rauschen alle cross-gendermäßig eingesetzten und gekleideten Darsteller hinein in diese Welt der Fantasie und der Liebesexperimente.

Wenn jemand mit der Komödienhandlung nicht vertraut wäre, wäre es allerdings schwierig, ihr in dieser Inszenierung zu folgen, wenn nun in loser Szenenfolge acht Liebeswillige einander suchen, zögern, zugreifen, sich hingeben.

Zwischen komischen Szenen, Wortwitz („mitnichten mit Nichten“), Albernheit und hübschen Details wie einem Schaf auf Rollschuhen lässt Rosendahl der Liebe einen unangetasteten, erhabenen Raum. Sandro Sutalo bewahrt als heftig verliebter Orlando eine extrem liebenswerte Zartheit und Unschuld, die auch sein strampelanzugartiger Einteiler und sein Kuscheltier-Schweinchen nicht zunichte machen können (Kostüme: Ulrike Obermüller). Toll auch seine Gesangseinlagen, etwa die melancholische Version von Britney Spears’ „Toxic“.

Rosalind stellt Orlando schwer auf die Probe. Als Mann verkleidet und sich Ganymed nennend, gibt sie ihm immer wieder Aufgaben, ihr den Hof zu machen, prüft, ob und wie sie Verliebtheit entfachen kann. Amelie Kriss-Heinrich gibt dieser selbstsicheren, starken Heldin viel Format.

Ferner sind Tim Czerwonatis als sich vom Bösen zum Guten wandelnder Oliver, Christina Weiser als nachdenklicher Lord Jacques und Lukas Umlauft als das Vulgäre zelebrierender Narr Touchstone zu erleben. Für Darsteller und Regieteam gab es viel Applaus im nicht ganz ausverkauften Schauspielhaus.

Wieder am 14., 25.9., Karten: 0561/1094222, staatstheater-kassel.de

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