Interview: Comedian Michael Mittermeier über seinen Bestseller „Achtung Baby!“ und das Vatersein

Interview: Comedian Michael Mittermeier über seinen Bestseller „Achtung Baby!“

Michael Mittermeier: Geboren: am 3. April 1966 in Dorfen (Oberbayern); Ausbildung: Studium der Amerikanistik in München; Erfolge: Seit 1996 mit Solo-Programmen wie „Paranoid“; Verkaufte Tonträger: 1,5 Millionen; Privates: Lebt mit seiner Frau Gudrun (der Sängerin Somersault) und der Tochter Lilly in der Nähe von München.

Bevor Michael Mittermeier Vater wurde, dachte er nicht, dass das Leben mit Kindern so lustig ist. Über die Erfahrungen mit seiner vor zwei Jahren geborenenen Tochter hat der Comedian das Buch „Achtung Baby!“ geschrieben, das die Bestsellerlisten anführt.

Bei dessen Lektüre muss man oft laut lachen. Wir sprachen mit dem 44-Jährigen.

Herr Mittermeier, ich habe die Nabelschnüre meiner Kinder bei der Geburt nicht selbst durchgeschnitten. Bin ich deshalb ein schlechter Papa?

Michael Mittermeier: Nein, das muss man nicht. Es ist ja auch schwierig, auf Glückshormonen einen Gartenschlauch durchzuschneiden. Als Mann sollte man bei der Geburt aber zumindest dabei gewesen sein.

Es gibt immer mehr Bücher und Zeitschriften für Eltern, und überall sieht man andere Mütter und Väter, die alles besser zu machen scheinen als man selbst. Wie kann man da kein schlechtes Gewissen kriegen?

Mittermeier: Man darf sich nicht verrückt machen lassen. Am Anfang habe ich auch Ratgeber gelesen, aber irgendwann war ich so abgetörnt, dass ich sie in die Ecke geworfen habe. Es ist komisch: Einerseits gibt es eine hohe Erwartungshaltung an Eltern, andererseits sind wir ein kinderunfreundliches Land. Wenn man sein Kind beim Babysitter abgibt, ist man sofort eine Rabenmutter oder ein Rabenvater. Interessant ist auch, dass es diesen Begriff nur in postfaschistischen Ländern gibt. Ich will mir nicht von frustrierten Eltern Vorschriften machen lassen.

Warum haben Sie jetzt auch noch ein Buch zum Elternsein geschrieben, wo es doch schon so viele gibt?

Mittermeier: Weil ich nicht sage, was man machen soll. Ich schildere einfach, was passiert. „Achtung Baby!“ ist ein ehrliches und lustiges Buch. In meiner Karriere habe ich noch nie so viel positive Resonanz bekommen. Eine Hebamme schrieb mir ins Gästebuch, dass ein Vater das Buch bei der Geburt dabei hatte. Zwischen den Wehen hat er vorgelesen. Seitdem hat sie das Buch in ihrem Hebammenkoffer immer dabei.

Die vierfache Mutter Heidi Klum bezeichnen Sie als Gebärmaschine. Ist das Top-Model kein gutes Vorbild?

Mittermeier: Definitiv nicht. Eine Frau, die wenige Wochen nach der Geburt wieder auf den Laufsteg geht und so macht, als sei das normal, ist ein Schlag ins Gesicht jeder Mutter, die keinen Diätkoch, keinen Personal-Trainer, keinen Gärtner und keine Vollzeit-Nanny für jedes Kind hat. Die Frau lügt.

Sie vergleichen junge Eltern mit den Zeugen Jehovas, weil sie Nicht-Eltern sagen: „Ihr solltet auch Kinder haben.“ Ist ihr Missionierungsdrang so schlimm?

Mittermeier: Ich finde schon. Ihre Bekehrungsversuche erinnern mich ein bisschen an die Kreuzzüge. Sie sind nicht aufgeschlossen und sehr engstirnig. Meine Frau und ich waren schon 17 Jahre zusammen, als wir unsere Tochter bekamen. Ganz oft mussten wir uns den depperten Satz anhören: „Geht’s net?“

Sie haben den Begriff „Arschlochkinder“ geprägt. Kommt man als solches auf die Welt oder machen einen erst „Arschlocheltern“ dazu?

Mittermeier: In den meisten Fällen gehören „Arschlocheltern“ dazu. Zuletzt war ich mit einer Freundin auf einem Spielplatz, wo ihr ein Dreijähriger die Handtasche voll Sand geschaufelt hat. Als sie sagte, er solle das lassen, antwortete der Junge: „Ich kann dir auch den Kopf abhacken.“ Seine Mutter sagte nur: „Guck mal, wie toll er die Schaufel halten kann.“ Da fragt man sich: Was soll aus dem mal werden?

Was macht man da?

Mittermeier: Ich habe nichts gemacht, weil ich nicht direkt beteiligt war. Und sonst gilt: Auch ein Klaps ist keine Lösung. Ich erinnere mich noch an meinen Religionslehrer, der mir in der Grundschule einmal eine richtig heftige Backpfeife gab und dann sagte: „Das tut mir mehr weh als dir.“ Der war genauso scheinheilig wie der Ratzinger, dem jetzt alles Leid tut. Niemand hat die Jungs gezwungen zu schlagen. Das haben sie schon selbst gemacht.

Befürchten Sie manchmal, dass Ihre Tochter Sie später einmal verklagen wird, wenn sie all das lesen wird, was Sie über sie geschrieben haben?

Mittermeier: Klar, wenn sie clever ist, macht sie das mit 16. Aber bis dahin kann ich noch ordentlich Geld verdienen mit dem Buch.

Weitere Infos zu Achtung Baby!

Michael Mittermeier: Achtung Baby! Kiepenheuer & Witsch, 259 Seiten, 14,95 Euro. Die 5er-CD-Box „Michael Mittermeier - Live 1997 - 2009“ ist bei Sony BMG erschienen.

Achtung Baby! - Live: 1. Dezember, Lokhalle Göttingen. Tickets: 0561/203-204

Von Matthias Lohr

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