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Wie man die Kirche zum Singen bringt: Timm Siering lehrt in Bayreuth

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Von: Bettina Fraschke

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In der neuen Heimat: Timm Siering vor der Stadtkirche Bayreuth.
In der neuen Heimat: Timm Siering vor der Stadtkirche Bayreuth. © Siering/Privat/NH

Porträt: Der Kasseler Timm Siering ist mit 28 Jahren Professor in Bayreuth geworden. Seine musikalische Prägung bekam er in Nordhessen. Er beschäftigt sich mit dem Gemeindegesang und will Studierenden den Wert von Netzwerken vermitteln.

Kassel/Bayreuth – Er ist einer der jüngsten Professoren in Deutschland: Der 28-jährige Timm Siering aus Kassel ist zum Wintersemester als Professor für Musikpädagogik und -wissenschaft an die Hochschule für evangelische Kirchenmusik in Bayreuth berufen worden. „Das ist ein Sechser im Lotto“, sagt Siering und betont, dass er diese Stelle ohne seine musikalische Prägung in Nordhessen nie bekommen hätte. Als Junge hat er im Pfarrhaus in Dennhausen Instrumentalunterricht erhalten und in Fuldabrück im Posaunenchor gespielt. „Das war mein erster Zugang zu Musik – eine ganz wichtige Prägung.“

Als Jungstudent im Fach Komponieren besuchte er noch vor dem Abitur am Lichtenberg-Gymnasium die Musikakademie in Kassel. Später hat Timm Siering ein Projekt für die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck entwickelt, mit dem das Gemeindesingen gefördert werden sollte. Nicht immer ist in den kleinen Kirchen auf dem Land ein Organist vor Ort. Da ist es hilfreich, wenn aus der Gemeinde jemand den Gesang führen kann, ein bisschen vertraut ist mit dem Anleiten eines Kanons. „Wir haben eine niedrigschwellige Ausbildung dazu entwickelt“, erzählt Siering, „dazu musste man noch nicht mal Noten lesen können.“

Studium der Pädagogik, Theologie und Musikwissenschaft

Bei der Wahl eines Studiums „konnte ich mich dann nicht richtig entscheiden“, sagt Timm Siering. Theologie war im Rennen, „meine Frau und ich konnten uns als Familie gut vorstellen, ins Pfarramt zu gehen.“ Aber es wurde erstmal die Pädagogik. Später legte Timm Siering das Theologiestudium nach. Und dann noch ein Studium in kultureller Musikwissenschaft. Was das ist? Hier steht nicht der analysierende Blick auf ein Werk im Zentrum, die Musik wird vielmehr als Praxis, als etwas Klingendes wahrgenommen, das hat eher Schnittmengen mit Soziologie und Ethnologie. Mit der Promotion hat Siering schließlich „den Sack zugebunden“ und über sein ursprüngliches Projekt Kirchensänger geschrieben: „Ich konnte Hintergründe aus meinem Studium mit praktischen Beobachtungen in Orten wie Guntershausen und Gensungen verbinden.“

Die Aktualität der Forschung – „ich hatte die Arbeit am Tag vor meiner Berufung verteidigt“ – hat dann wohl den Ausschlag für die Berufung als Professor gegeben.

Nun sind Timm Siering, seine Frau, eine Erzieherin, und die beiden Kinder in die Nähe von Bayreuth gezogen. Das dritte Kind ist unterwegs. Sie sind in der neuen Heimat gut angekommen – „nicht nur, weil die waldige Landschaft an Nordhessen erinnert, auch weil der Menschenschlag mit seiner etwas schroffen Herzlichkeit ähnlich ist wie in der Heimat.“ Die fränkische Seele ähnele der nordhessischen.

Eine kirchliche Musikhochschule – was ist das Besondere? Sie bildet an weniger Instrumenten aus und setze, so Siering, ein höheres Niveau bei den Studierenden an. Die musikpädagogische Ausrichtung, für die der 28-Jährige dort nun steht, ist eine Besonderheit, sie ermöglicht Absolventen, sich mit einem spezifischeren Profil auf dem Arbeitsmarkt zu positionieren.

Im Oktober begann Timm Sierings erstes Semester. Hauptsächlich Grundkurse stehen aktuell auf seinem Lehrplan: „Mich fordert das stark heraus – wir haben nur 14 Wochen, um ganz wichtige Grundlagen zu legen. Danach muss sehr viel an Know-how da sein, auf das man aufbauen kann. Zu den Seminaren gehört – natürlich – Gemeindesingen, aber auch eine Einführung in die Bibelwissenschaft. Die künftigen Kirchenmusiker müssen sprechfähig sein und sich auskennen.“ In einem Aufbaukurs vermittelt er Hymnologie – Gesangbuchkunde.

Sein grundsätzliches Ziel in der Ausbildung der jungen Musiker ist es, Kompetenz in der Teamarbeit zu vermitteln: „egal in welchem Berufsfeld – ohne ein multiprofessionelles Netzwerk funktioniert es nicht.“ Mit seinen Studierenden hat er jetzt schon einmal einen Perspektivwechsel vorgenommen und versucht, ihnen zu vermitteln, wie ein junger Pfarrer tickt. Nächstes Jahr ist ein Seminar mit angehenden Pfarrern wie Kirchenmusikern geplant – dieser Ansatz stoße bereits jetzt auf große Resonanz.

Jobängste, so versichert der Jungprofessor, brauchen die Absolventen, der Hochschule nicht zu haben: „Was die Kirchen einsparen müssen, steht nicht im Verhältnis zu ihren Nachwuchssorgen.“

https://www.hfk-bayreuth.de/

Von Bettina Fraschke

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