Die hessische Landeshauptstadt erinnert mit mehreren Ausstellungen an das Jubiläum 50 Jahre Fluxus

Von Wiesbaden in die Welt

Ausdruck einer neuen Freiheit: George Maciunas, Dick Higgins, Wolf Vostell, Benjamin Patterson und Emmett Williams zerlegten 1962 in Wiesbaden einen Flügel. Fotos:  Museum Wiesbaden

Wiesbaden. Was Fluxus ist? Das können selbst eingeschworene Fluxisten nicht beantworten. „Das Wichtigste ist, das niemand weiß, was es ist. Es soll wenigstens etwas geben, das die Experten nicht verstehen. Ich sehe Fluxus, wo ich auch hingehe“, erklärte der Fluxus-Künstler Robert Watts. Immerhin eines ist gewiss: Wiesbaden ist in diesem Sommer Zentrum der internationalen Fluxus-Bewegung. Denn offiziell angefangen hat alles hier. Vor 50 Jahren.

1962 war das Museum Wiesbaden Schauplatz der Geburt von Fluxus - als Gründungsakt gelten die „Fluxus Festspiele Neuester Musik“, organisiert vom bei der US-Army arbeitenden Architekten und Künstler George Maciunas. Weltbekannt wurde die Nummer mit dem Steinway-Flügel, den fünf Fluxisten malträtierten und zersägten: ein symbolischer Akt von Antikunst, eine respektlose Neudefinition des Kunstbegriffs. Das war der Sound zu einer neuen, „fließenden“ Freiheit. Doch die Flügel-Performance hatte auch praktische Gründe: Geld zum Abtransport war keines da. Kleinholz war günstiger zu entsorgen. Ein Beitrag der „Hessenschau“ vom 22. September 1962 zeigt ein irritiertes, verwirrtes Publikum.

Die Errungenschaft der gleichzeitig in Japan, Amerika und Europa operierenden Fluxus-Bewegung ist ihr multimedialer Ansatz: Musik, Performance, Bildende Kunst, Literatur, Theater verschmolzen zum Gesamtkunstwerk. Ansonsten sagt Fluxus nur „fließen“: permanente Bewegung. „Fluxus-Amusement“, so definierte Pionier Maciunas, „soll einfach, unterhaltend und anspruchslos sein, sich mit Belanglosigkeiten beschäftigen, weder besondere Fähigkeiten noch zahllose Proben erfordern, weder handelbar noch institutionalisierbar sein“. Ergo: Fluxist konnte jeder sein. Die vielleicht beste Antwort hat der Künstler Willem de Ridder gegeben: „Fluxus: Wenn man es versteht ist es zu spät!“

Zentrale Figur des diesjährigen Festivals ist Benjamin Patterson (78). Der seit Anfang der 90er fest in Wiesbaden lebende US-Amerikaner ist ein klassischer Avantgardist: Er war seiner Zeit oft um Dekaden voraus. Das Multitalent, in Pittsburgh geboren, ließ sich nie einengen. Er spielte Kontrabass, ehe er sich in Köln in die zeitgenössische Musikszene stürzte und 1962 die „Festspiele Neuester Musik“ mit organisierte. Vor dem Museum Wiesbaden hat Patterson einen Fluxus-Pavillon realisiert. Der Nassauische Kunstverein zeigt seine erste deutsche Retrospektive, „Ben Patterson - Born in the State of FLUX/us“.

Pattersons Kunst führt den Fluxus-Gedanken humorvoll, hintergründig weiter. Fluxus, sagt er, ist „offene Interpretation“, „ständige Überraschung“. Die Verleihung des Wiesbadener Kulturpreises 2012 an ihn kommentiert er so: „Damals, 1962, hätten sie uns am liebsten im Rhein versenkt, heute bekommt man für Fluxus einen Preis!“

Von Marc Peschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.