Der Sänger und Kabarettist Dirk Langer als „Nagelritz“ mit Ringelnatz-Texten im Theaterstübchen

Wilde Seefahrer-Romantik

Matrosenanzug, Tätowierung, Schifferklavier: Dirk Langer lässt kein Seefahrer-Klischee aus. Foto: Fischer

Kassel. „Und find’ ich heut’ im Hafen ein hurendes Kind, werd’ ich bei ihr schlafen, bis wir fertig sind.“ Seefahrer-Romantik klingt oft derb-frivol, doch so wie sie einst der große deutsche Lyriker Joachim Ringelnatz feilbot, berührt sie bis heute. Der aus Gelsenkirchen stammende Künstler und Seefahrer Dirk Langer hat im Geist von Ringelnatz eine musikalisch-kabarettistische Seereise kreiert, die am Mittwoch die Besucher im gut gefüllten Theaterstübchen begeisterte.

Eigentlich ist es kein reines Ringelnatz-Programm. Es ist mehr. Nagelritz nennt sich der Bühnenmatrose. Er erzählt mit augenzwinkerndem Charme vom Seefahrerleben, singt Ringelnatz-Texte, begleitet von einem alten Schifferklavier, und unterhält als kauzig-pfiffiger Seelenverwandter des Lyrikers mit zündendem Humor und all dem, was den Klischees der rum-getränkten Matrosenwelt Nahrung gibt: Von der Welt auf See, dem Heimweh und natürlich von den Frauen.

Mit denen kennt sich der Fischdampfer-Romeo aus: „Die Blonden mögen es stürmisch“, singt er und flirtet mit den Damen aus dem Publikum: „Wie heißt du, Vera? Wollen wir uns heute verloben?“ Die Angesprochene strahlt übers ganze Gesicht, doch eine vermögende Allianz wird das nicht: „Wir haben keine Heuer bekommen, dafür aber ,Ahoi-Brause‘.

Die verschenkt er reichlich. Wenn jemand aus dem Publikum eine Frage beantwortet, wirft er ein Beutelchen in den Saal. So zum Beispiel, wenn er zwei Flaggen hin- und herwirbelt und die Bedeutung erfragt: „Und? Wind von allen Seiten? Richtig! Hier ’ne Ahoi-Brause.“

Immer mit auf der Bühne, wenngleich für das Publikum unsichtbar: Hinnerk, sein väterlicher, bärenstarker Freund. Der hat ihn zur See gebracht, ihm alles beigebracht und ist sein Vorbild. „Der Hinnerk sagt immer …“ Und dann erzählt Nagelritz von Kneipen- und Bordellbesuchen und spinnt Seemannsgarn: „Rettungsringe? Früher haben sie ’ne Tonne hinterhergeworfen und gerufen ,Fass!‘. Tja, so hat das Fass seinen Namen bekommen.“

Nach den Kalauern immer wieder mit viel Herz intonierte Seefahrer-Romantik aus der Ringelnatzfeder: „Will mir denken, dass meine Mutter jetzt noch wacht.“ Fazit: Ein großartiges, ein facettenreiches Programm. Stürmischer Applaus von den Landratten im Publikum.

Von Steve Kuberczyk-Stein

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.