Zwischen Genie und Wahnsinn: Der Schauspielstar und sein Lyrik-Programm

Wilder Reiter Ben Becker

So ritt er in den Saal: Ben Becker auf Giotto, einer 14 Jahre alten Hannoveranerin. Weil Becker während der Lesung nicht fotografiert werden wollte, stellte er sich unserem Fotografen vorab bei der Probe. Foto: Koch

Kassel. Wenn Ben Becker sich voller Inbrunst an die Kunst verschenkt, dann erlebt das Publikum nicht selten eine Doppelvorstellung: Den Künstler, der sich völlig in seine Rolle hineinsteigert, und Becker den Selbstdarsteller, der sich nach außen gern als lauter, exzentrischer Lebenskünstler inszeniert.

Auch am Mittwoch in der ausverkauften Reithalle am Marstall zeigte der 47 Jahre alte Stiefsohn des Schauspielers Otto Sander diese beiden Gesichter. Beim Kultursommer Nordhessen gastierte Becker mit seinem Rezitationsprogramm „Der ewige Brunnen“ – deutsche Lyrik und Balladen aus vier Jahrhunderten.

Vor der Kunst kam zunächst der Selbstdarsteller: Türen auf und hoch zu Ross ritt Becker an den Besuchern vorbei zur Bühne. Dort wollte er mit Goethes Erlkönig beginnen, bekam aber erst mal einen Lachkrampf. Der Grund: Die erste Zeile - „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?“ - bezog er zunächst auf sich selbst.

Dann aber Becker der Künstler: Die Stimme grollend tief gelegt, die Gesten groß und die Dramaturgie des Erlkönigs bis in die dunkelsten Assoziationen ausgelebt, bot er, einfühlsam begleitet vom Pianisten Yoyo Röhm, Kunst, die weit über das Maß einer Rezitation hinausragte.

Es folgte Friedrich Hebbels „Heideknabe“. Sichtlich bewegt, wischte er sich am Ende die Tränen ab: „Bei so was fängt man schon mal an zu weinen.“ Auch Goethes „Zauberlehrling“, Schillers „Handschuh“, Fontanes „John Maynard“ und Heines „Lorelei“ präsentierte Becker voller Leidenschaft.

Im Kontrast dazu Becker der Privatmann, der Zyniker, der laut „Scheiße“ fluchte, weil er seine Lesebrille vergessen hatte und jeden seiner Kommentare mit polterndem Lachen begleitete: „Der letzte Abend war beschissen, aber heute Abend wollen wir Spaß haben.“ Ein anderer Kommentar: „Für mich ist das hier harte Arbeit, die meisten von ihnen müssen sicher keinen Finger mehr krumm machen.“

Das Publikum nahm es mit Humor und Becker, wie er ist: ein beeindruckender Künstler, der es liebt, ein unbequemer Mensch zu sein.

Von Steve Kuberczyk-Stein

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.