Wilhelm Genazino erhält den Kasseler Literaturpreis 2013

Das Peinliche und Unzulängliche ist bei ihm immer auch komisch: Wilhelm Genazino. Foto: dpa

Kassel. Die Welt ist voller Merkwürdigkeiten, man muss nur hinsehen. Das ist eine Devise von Wilhelm Genazino. Der in Frankfurt lebende 69 Jahre alte Schriftsteller erhält im kommenden Jahr den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor.

Der Büchner-Preisträger 2004 wird die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung am 23. Februar im Kasseler Rathaus entgegennehmen.

Geehrt werde ein Autor, dessen Werk zugleich gesellschaftskritisch, poetisch und ein hervorragendes Beispiel literarischer Komik sei, lautet die Begründung des Stiftungsrates. Genazino beobachte ironisch, heiter wie melancholisch, „zu welchen Zumutungen Arbeit, Liebe, Alter, Körper oder auch Kunst durch Fremdbestimmung werden“. Seine Texte hätten mit feinsinniger, makelloser Sprache „die Kraft der Verwandlung“, heißt es weiter: „Sie transformieren das Unzulängliche, das Peinliche oder die Langeweile subtil zur inneren Erfahrung einer komischen Empfindung“. Darin liege die Magie in Genazinos „literarischer Schule der Besänftigung“. Denn: „Hier unterrichtet er uns bezauberte Leser meisterhaft in seinen Fächern Existenzkunst, Enttäuschungspraxis, Sehnsuchtsabbau, Fremdheitsüberlistung und Hoffnungsclownerie.“

Der 1943 in Mannheim geborene Genazino war zunächst freier Journalist und Redakteur, darunter bei „Pardon“, sowie Mitherausgeber der Zeitschrift „Lesezeichen“. Sein erster Roman „Laslinstraße“, ist 1965 erschienen. Einem breiteren Publikum wurde er ab 1977 mit seiner „Abschaffel“-Trilogie bekannt, die die Welt eines Angestellten entwirft. Wichtige Werke des auch mit dem Kleist-Preis ausgezeichneten Schriftstellers sind „Ein Regenschirm für diesen Tag“, „Die Liebesblödigkeit“ und „Das Glück in glücksfernen Zeiten“.

Der Roman „Wenn wir Tiere wären“ stand 2011 auf der Auswahlliste des Deutschen Buchpreises. Soeben erschienen ist „Idyllen in der Halbnatur“, in dem er erzählt, warum und wie er schreibt. Für Ende August ist „Aus der Ferne und Auf der Kippe“ mit Geschichten zu Fotos und Postkarten angekündigt, die der Vater einer Tochter auf Flohmärkten und in Trödelläden aufgestöbert hat.

Die Laudatio wird Marlene Breuer halten, die 2010 für den Hessischen Rundfunk ein Portrait als Hörspiel mit dem Titel „Genazinos Museum“ produzierte. Mit der Verleihung wird das 6. Kasseler Komik-Kolloquium mit Lesungen, Bühnenauftritte, Ausstellungen, Filmen sowie einer Fachtagung eröffnet.

Hintergrund

Der Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor wird seit 1985 jährlich vergeben und zeichnet Autoren (und im ersten Jahrzehnt auch Literaturwissenschaftler) aus, deren Werk auf hohem künstlerischem Niveau von Komik und Groteske geprägt ist. Vergeben wird er von der Stiftung Brückner-Kühner und der Stadt Kassel. Die Stiftung wurde von den Schriftstellern Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner ins Leben gerufen, die 30 Jahre in Kassel lebten und dort 1996 kurz nacheinander verstarben.

Der erste Preisträger war Loriot. Nach ihm wurden unter anderen Ernst Jandl, Robert Gernhardt, Gerhard Polt und Peter Rühmkorf sowie zuletzt Thomas Kapielski und Ulrich Holbein ausgezeichnet.

Wer diesmal den seit 2004 zugehörigen Förderpreis Komische Literatur in Höhe von 3000 Euro erhält, den die Kasseler Sparkasse unterstützt, soll demnächst bekannt gegeben werden. Diese Auszeichnung ging zuletzt an Rebekka Kricheldorf, Jan Neumann und Tino Hanekamp. (vbs)

Von Mark-Christian von Busse

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