Das Peinliche wird komisch

Wilhelm Genazino erhielt Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor

Humoristisches Literatenduo: Förderpreisträger Wolfram Lotz (links) und Wilhelm Genazino (Literaturpreis für grotesken Humor) bei der Preisverleihung in Kassel. Foto:  Malmus

Kassel. Wilhelm Genazinos Texte „transformieren das Unzulängliche, das Peinliche oder die Langeweile subtil zur inneren Erfahrung einer komischen Empfindung.“ So heißt es in der Begründung der Jury bei der Preisverleihung des Kasseler Literaturpreises für grotesken Humor.

Der Preis wurde am Samstagabend in Kasseler rathaus verliehen. Er liest dann aus seinem Buch „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“, bei der ein Lokalreporter im Bürgerbräukeller einen Jekami-Abend besucht, das steht für „Jeder kann mitmachen“. Und schon diese Beschreibungen von Auftritten einer Caterina-Valente-Imitatorin und eines „muttertagsselig“ dreinschauenden Busfahrers, der sich an Freddy Quinn versucht, machen deutlich, was der Stiftungsrat meint. Im vollbesetzten Saal der Stadtverordnetenversammlung feierten die Besucher den Romancier mit langem Applaus.

Hörfunkautorin Marlene Breuer hatte zuvor in ihrer Laudatio von der „Wahrnehmungsschule“ gesprochen, in die Genazino seine Leser schickt. Die sei wie bei einer frischen Schneefläche: Erst sieht man nur weiß. Nur wer genau hinschaut, erkennt die Geschichten, die der Schnee erzählt: herabgefallene Ästchen, Spuren von Vogelhüpfern und Menschen. „Genazino lesen heißt, einen weiten hellen Raum betreten“, sagt sie, und dass man sich „ansaugen lassen kann vom Sog der Texte“.

Förderpreis an Wolfram Lotz

Den Förderpreis Komische Literatur erhielt am Samstag der Theaterautor, Erzähler und Lyriker Wolfram Lotz aus Hamburg. Der 31-Jährige wuchs im Schwarzwald auf und bekam 2011 die Auszeichnung „Nachwuchsautor des Jahres“. Friederike Emmerling vom Verlag S. Fischer würdigte Lotz, dessen Arbeiten sich „zwischen derbem Humor und berührender Traurigkeit“ bewegen. Seine Figuren „tanzen einen existenziellen Reigen und essen dabei Nudelsalat.“ Lotz spalte das Publikum, man finde sein Werk „befreiend oder provozierenden Blödsinn“. Für die Jury dienen die Texte „einer sinnlichen, doch ungemütlichen Anleitung zum Widersinn“.

Wolfram Lotz rezitierte dann eine Theaterszene. Darin tritt ein Autor mit Namen Wolfram Lotz wortlos auf einer Bühne auf und versucht, Weintrauben zu essen. Als Monolog aus dem Off ist seine Mutter zu hören, die über Lotz redet. Lotz spricht nun die Regieanweisungen („Sein Blick wird verzweifelter“) und den Text von Mama Lotz abwechselnd: „Im Inneren ist er ja ein ganz Lieber. Und jetzt ist er hier in seiner eigenen Szene.“ Eine fulminantes Erlebnis der Verschachtelung und schrittweisen Verwirrung.

Der Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor wird seit 1985 vergeben und zeichnet mit 10 000 Euro Autoren aus, deren Werk von Komik und Groteske geprägt ist. Vergeben wird er von der Stiftung Brückner-Kühner und der Stadt Kassel. Frühere Preisträger: Loriot, Ernst Jandl, Robert Gernhardt, Gerhard Polt, Ulrich Holbein.

1999 wurde erstmals ein Förderpreis Komische Literatur vergeben. Er ist mit 3000 Euro dotiert und für Autoren unter 35 Jahren. 2013 hat die Kasseler Sparkasse diesen Preis finanziert.

Von Bettina Fraschke

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