Eine Installation der Unbehaglichkeit

Wilke Weermanns Theaterabend „I am Providence“ in Kassel

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Blick von außen nach innen: Lona Culmer-Schellbach (links) und Artur Spannagel mit Partyhütchen in „I am Providence“. 

Die Blauhäuter sind bedroht: Der Horror-Kultuautor H.P. Lovecraft stand Pate eines besonders detailreich gestalteten Bühnenerlebnisses.

Unbekannte durchwühlen unseren Schrank. Unbekannte durchwühlen unsere Mundhöhle, um für vermeintliche Forschungszwecke einen Abstrich zu nehmen. Unbekanntes wuchert und wabert um das Haus herum, scheint uns zu umzingeln. Situationen der Unbehaglichkeit schafft Regisseur und Stückautor Wilke Weermann in seinem Theaterabend „I am Providence“, der am Freitag am Kasseler Staatstheater auf der Studiobühne im nicht ausverkauften Tif mit viel Applaus uraufgeführt wurde. Er basiert auf Motiven des Gruseldichters H. P. Lovecraft (1890 - 1937), der sich mit den Urängsten des Menschen auseinandergesetzt hat.

Horror ist hier allerdings nicht zu erleben, die Emotionstemperatur bleibt sehr gemäßigt. Es spielen Artur Spannagel, Eva-Maria Keller, Alexandra Lukas, Tim Czerwonatis, Marius Bistritzky und Mezzosopranistin Lona Culmer-Schellbach, deren Gesangseinlagen als Stimmungskatalysator wirken.

Fast ohne Handlung und ohne Dialoge werden in der Rauminstallation Situationen vorgestellt, die Gewissheiten und Gemütlichkeiten bedrohen. Dabei schauen die Zuschauer durch moskitonetz-bespannte Rahmen in ein Haus hinein. Die Bewohner mit blauer Hautfarbe bewegen die Lippen zu gesprochenen Sätzen aus dem Off: So entstehen optische und akustische Verfremdungseffekte. Dazu kommen ein diffuses Knistern und Rauschen, flackernde Lichter, Nebelschwaden im Vordergrund.

Erst sitzen die Blauhäuter vor dem Fernseher und lachen Play-back zum dort herausschallenden Gedröhne. Später servieren sie mit Partyhütchen ganze Fische, bis weißbekittelte Forscher mit Diktiergeräten und Instrumentenkoffer ins Haus eindringen. Die zerstören das Eiche-rustikal-Idyll, machen die Subjekte zu Objekten, die ausgeforscht, bewacht, bedrängt werden. Dazu gibt es Monologe, die aus dem Logbuch einer Forschungsreise stammen könnten.

Weermann wechselt fortwährend die Perspektiven. Die Forscher tragen teilweise einen signalgelben Schutzanzug, der tauglich für die Tiefsee oder eine fiese Viren-Epidemie wäre: Nicht nur die Blauhäuter, auch sie sind mit Unbekanntem, Unbehaglichem konfrontiert.

Viren, Tiefsee: Hier kommen assoziativ zwei weitere Szenarien aus dem Baukasten des Horrors ins Spiel. Das Regieteam entwickelt all die Ideen und Anspielungen aber kaum weiter, stellt sie einfach vor. Insofern bleibt der Abend auf der Erkenntnisebene banal und unkomplex.

Herauszuheben sind die leicht angemufft-spießige Ausstattung von Johanna Stenzel, der differenzierte Bedrohungs-Sound von Constantin John und die fein justierte Lichtregie von Dirk Thorbrügge. Mit welcher Liebe zum Detail hier gearbeitet wird, überzeugt ebenso wie die kleinteilige Schauspielerführung. Jede Geste passt zum Formalismus der Bildtableaus. Manchmal wird es auch witzig, wenn etwa die Forscher im Haus der Blauhäuter eine Schleuse durch den Raum entdecken: Ich werfe hinten rechts in der Küche einen Fisch – und der fliegt plötzlich vorn links aus dem Wohnzimmerschrank heraus.

Wieder 17., 22.11, Tif, Karten: 0561-1094 222

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