Interview: Zum 200. Todestag Heinrich von Kleists - Ein Gespräch über Logik, Vertrauen und das Radikale

Heinrich von Kleist: „Er will Unmögliches ausloten“

Schweres Leben: Heinrich von Kleist. Foto:  nh

Heute hochgeschätzt, zu Lebzeiten verkannt: Vor genau 200 Jahren hat sich einer der facettenreichsten deutschen Schriftsteller das Leben genommen: Heinrich von Kleist. Wir sprachen über sein Schaffen und seine verstörende Radikalität mit dem Göttinger Literaturprofessor Heinrich Detering.

Womit sollten Kleist-Einsteiger zu lesen anfangen?

Heinrich Detering: Mit einem der Dramen, in denen scheinbar einfache Oppositionen aufgebaut werden. In „Käthchen von Heilbronn“ etwa öffnet sich überraschend ein doppelter Boden. Erst nach und nach bemerkt man in diesem romantischen „Ritterschauspiel“, dass nichts so ist, wie es aussieht.

Das Käthchen läuft vor lauter Liebe ihrem verehrten Ritter so hinterher, dass sie sich lächerlich macht. Was zeigt uns Kleist mit dieser Figur?

Detering: Das Käthchen vom „heilenden Bronn“ und Graf „Wetter vom Strahl“ zeigen im Wortsinne elementare Kräfte: Wasser und Feuer. Das eigentlich Unvereinbare wird hier vereint. Selbst wenn diese Wasser-Frau durch das brennende Schloss geht, kann ihr nichts geschehen.

Das Käthchen geht uns auf beunruhigende Art nah. Warum?

Detering: Wir leben in einer Zeit, in der wir bereit sein müssen, unsere Arbeit, den Wohnort, die Lebensentwürfe zu wechseln. In einer so von ökonomischen Zwängen bestimmten Zeit gibt es eine Sehnsucht nach Figuren wie Käthchen. Die weiß unbeirrbar, welchen Weg sie geht, sie folgt ihrer Bestimmung.

Wie zeigt Kleist das?

Detering: Käthchen verkörpert das Wasser im taoistischen, im Brecht’schen Sinn: Die Gewalt, die von ihr ausgeht, ist weich. Gerade diesem Strom von Begehren aber halten die gepanzerten Männer im Stück nicht stand.

In der Schule wird oft die „Marquise von O.“ gelesen. Eine Frau ist schwanger und kann sich an keinen Geschlechtsakt erinnern - was ist denn da los?

Detering: In dieser Novelle geht es nicht allein um Sex und Gewalt. Kleist erfindet eine Situation, in der eine Figur die Welt nicht verstehen kann, sie aber unbedingt verstehen muss - wie Kafkas Josef K. Die Energie der Figur ist auf die Frage gerichtet: Was ist hier los, wie funktioniert diese Welt?

Wie wirkt Kleists Sprache?

Detering: Wie Thomas Mann sinngemäß sagt: Kleists Texte springen dem Leser im ersten Satz an die Gurgel und lassen dann nicht mehr los. Kleists gedrängte Sätze sind eine Herausforderung. Wir hören jemandem zu, der kaum Luft bekommt und doch nicht aufhören kann, ehe er fertig ist. Auch wenn er dann womöglich tot umfällt.

Kleist zeigt, dass die Wirklichkeit nicht stabil ist, die Leute bekommen keinen echten Kontakt zur Umwelt. Wie arbeitet er das technisch heraus?

Detering: Die Frage führt ins Zentrum von Kleists Darstellungskunst. Er zeigt vieldeutige Figuren in einer vieldeutigen Welt. Wir sehen: Was die Figuren sagen, ist etwas anderes, als was in ihnen vorgeht - aber was eigentlich ihr inneres Wesen ist, bleibt ungesagt. Das macht die Texte so quälend und so faszinierend.

Was bewirkt das?

Detering: Wir sehen Figuren Dinge tun, für die wir, ja für die sie manchmal selber keine Erklärungen haben. Wir wissen nie, wem wir vertrauen können, nicht einmal den Erzählern. Oft wissen die Figuren das selbst nicht, denken Sie an den Prinzen von Homburg und die heikle Grenze zwischen Vision und Wirklichkeit.

Haben Sie einen Lieblingsgedanken von Kleist?

Detering: In „Penthesilea“ sagt Odysseus: „Soviel ich weiß gibt es in der Natur / Kraft bloß und ihren Widerstand, nichts Drittes.“ Aber Penthesilea, die Amazone, ist doch dieses Dritte. Kleist experimentiert in immer neuen Varianten mit dieser Figur des unmöglichen Dritten, das wir in den Texten doch vor uns sehen, um das die Figuren kämpfen und an dem sie zugrunde gehen. Und er experimentiert wirklich; er behandelt die Texte wie ein Chemiker das Reagenzglas.

Wenn Sie per Zeitreise in seine Epoche gelangen könnten - was würden Sie ihn fragen?

Detering: Am neugierigsten wäre ich darauf, sein politisches Denken besser zu verstehen. Da steht entsetzlich chauvinistisches Zeug neben radikal Aufklärerischem, auch dies oft anscheinend unvereinbar.

Wie verändert sich Ihr Blick auf Kleist mit den Jahren?

Detering: Ich sehe, glaube ich, schärfer die kalkulierte Unauflösbarkeit mancher Texte. Das „Marionettentheater“ zum Beispiel habe ich lange als Abhandlung über Kunst und verlorene Unschuld gelesen. Jetzt sehe ich, wie Kleist den Text so konstruiert, dass er in keiner Weise ganz aufgeht. Immer wieder entwirft er Versuchsanordnungen, die sich nicht lösen lassen.

Von Bettina Fraschke

Zur Person

Der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Detering (52, verheiratet, drei Kinder) aus Neumünster ist Professor an der Universität Göttingen. Er gilt als Star seiner Disziplin und hat zahlreiche Preise erhalten, etwa 2009 den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungs-Gemeinschaft, der mit 2,5 Mio. Euro dotiert ist. Wissenschaftlich gearbeitet hat er unter anderem über Brecht, Bob Dylan, Storm und Andersen. Ende Oktober wurde er zum neuen Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt gewählt.

Lebensstationen

• Heinrich von Kleist wurde am 10. Oktober 1777 als Sohn eines preußischen Offiziers in Frankfurt an der Oder geboren. • Mit 14 trat er in die Armee ein, bat nach „sieben verlorenen Jahren“ aber um seinen Abschied. • Werkauswahl: „Die Familie Schroffenstein“, „Käthchen von Heilbronn“, „Der zerbrochne Krug“, „Penthesilea“, „Die Marquise von O.“ und „Michael Kohlhaas“ • Unstetes Leben, Reisen, keine Erfolge als Dichter. •Am 21. November 1811 suchte er mit Henriette Vogel am Berliner Wannsee den Freitod.

Ein Komet, der seine Bahn suchte

„Krise und Experiment“ - eine fabelhaft inszenierte Ausstellung zu Kleist in Berlin und Frankfurt/Oder

Von Mark-Christian von Busse

Berlin. So anschaulich und aufregend kann man Literatur präsentieren, einen schwierigen, widersprüchlichen Charakter nahebringen. Die Ausstellung zu Heinrich von Kleists 200. Todestag im Berliner Ephraim-Palais des Stadtmuseums und im Kleist-Museum seiner Geburtsstadt Frankfurt/Oder ist vorbildlich. Die Kuratoren übersetzen Themen und Texte in eindrucksvolle Raumbilder und Medieninstallationen. Wenn es um Kleists Tätigkeit in der Domänenkammer in Königsberg geht, steht der Besucher hilflos zwischen verstaubten Aktenregalen.

Kleist beschrieb, als er 1806 um Urlaub bat, seine Schüchternheit bei Referaten: „Der Gegenstand, über den ich berichten soll, verschwindet aus meiner Vorstellung; es ist, als ob ich ein leeres Blatt vor Augen hätte.“ Kleists Versuch, die „Berliner Abendblätter“ zu etablieren, wird mit gigantischen Zeitungsstapeln illustriert, die den Besucher zu erschlagen drohen - so, wie Kleists Überschuldung, der Misserfolg als Autor und der Ärger mit dem preußischen Hof ihn immer stärker bedrängten - bis die Selbsttötung als einziger Ausweg blieb. Es gibt Filme, Dokumente und Objekte, faksimilierte Handschriften, deren Transkription sowie ein „Kleist-Phone“, an dem der Dichter mittels Zitaten spricht.

„Krise und Experiment“ heißt die Schau. Krise meint die Zeitenwende um 1800, den Untergang Preußens in der Niederlage gegen Napoleon, die Modernisierung des reformbedürftigen Staates. Experimente kann man Kleists gescheiterte Versuche nennen, trotz dieser Krisenerfahrungen und instabilen Lebensverhältnisse irgendwo Fuß zu fassen: als Gelehrter, Beamter, Ehemann, Bauer in der Schweiz, Redakteur oder Schriftsteller.

Diese „Exzentrizität der ganzen Laufbahn“ war seinem Mentor, dem Dichter Christoph Martin Wieland, früh aufgefallen: Kleists „fürchterliche Überspannung, sein fruchtloses Streben nach einem unerreichbaren Zauberbild von Vollkommenheit“. Kleist merkte selbst, dass „Jünglinge“, wie er schrieb, „wie Kometen in regellosen Kreisen das Weltall durchschweifen, bis sie endlich eine Bahn und ein Gesetz der Bewegung finden“. Kleist jedoch war ein Komet, der früh verglühen musste.

Bis 29.1., www.heinrich-von-kleist.org Der vorzügliche Katalog (Kerber Verlag) kostet 19,90 Euro in den Museen, 40 Euro im Buchhandel.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.