Intim, dezent, zurückhaltend, unaufdringlich

William Fitzsimmons überragender Auftritt im Kulturzelt

William Fitzsimmons

Kassel. Natürlich liegt es nahe, mit William Fitzsimmons’ tolstoihaftem Bart einzusteigen. Denn der amerikanische Singer/Songwriter hat einen monströsen, imponierenden Bart. Aber alles andere bei seinem fabelhafzen Konzert  im fast ausverkauften Kulturzelt war intim, dezent, zurückhaltend, unaufdringlich.

Also keine weiteren Bemerkungen zu diesem Bart.

Da ist nämlich diese Stimme, ein sanftes Hauchen, federleichtes Flüstern, zartes Wispern. Nur mit einer akustischen Gitarre betritt Fitzsimmons anfangs die Bühne, er überlässt sich seelenruhig seinen warmherzig-bittersüß-melancholischen Songs. Von dem könnte man sich in den Schlaf singen lassen. Dass Fitzsimmons’ einlullende Songs nicht eintönig werden, dafür sorgen seine Begleiter.

So wie der Frontmann gelassen die Gitarren wechselt und in aller Ruhe stimmt, greift Drummer Josh Kaler zur Steel Guitar und zum Keyboard, Bassist Jonathan Gray spielt Banjo und Mandoline, Keyboarder Michael Flynn findet nichts dabei, minutenlang dem formidablen Spiel der Kollegen nur zuzuschauen. Dem exzellenten Sound im temporären Kulturzeltbau ist zu verdanken, dass keiner der ausgetüftelten Töne verloren geht. Faszinierend.

Am besten sind die vier aber, wenn sie - in seltenen Fällen - alle Bremsen lösen und ordentlich Gas geben. Man kennt das von den Eels, dass deprimierende Geschichten in herrliche Harmonien gekleidet werden. So ähnlich ist es bei Fitzsimmons.

Unerfreuliche Themen - weiche Melodien

Der aus Pittsburgh stammende Sänger, Kind blinder Eltern, ausgebildeter Psychotherapeut, bettet Texte zu Depressionen, Scheidung und ähnlich unerfreulichen Themen in weiche, feenhaft-ausgefeilte Melodien. Ein bisschen wie eine Fliege, die im Bernstein sitzt, oder kostbar wie mit Blattgold fein überzogen.

„Gold in the Shadow“ heißt sein aktuelles, das fünfte, durchaus sonnige Album. Beim letzten Auftritt der viermonatigen Tournee gibt sich das Quartett ausgesprochen gut gelaunt. Fitzsimmons streut immer wieder charmant deutsche Begriffe in seine unterhaltsamen Ansagen ein („a song about Hoffnung“), sein „Lieblings-Schnauzbart“, Bassist Gray, kommt zu den Zugaben, darunter ein fröhlicher folkiger Chor, im giftgrünen Badeanzug-Einteiler zurück.

Fitzsimmons läst das Publikum in seine Heimat ein, wobei er warnt: Er tue dort nichts außer Fischen zu gehen. Es wäre wohl einfacher, er selbst würde wiederkommen. Johlen und Füßetrampeln zeigten, dass nichts dagegen spräche.

Von Mark-Christian von Busse

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