Willie Dohertys documenta-Video in der Neuen Galerie

Szenenbild aus „Secretion“. Foto: Schachtschneider

Kassel. Während der documenta 13 lag Willie Dohertys Videoinstallation „Secretion“ abseits - noch hinter dem Südflügel des Kulturbahnhofs. Jetzt erhält der 20-minütige Film einen prominenten Platz. Er wird als documenta-Ankauf in die Dauerausstellung der Neuen Galerie integriert.

Dieser Tage war der 53-Jährige vor Ort, um seine Arbeit einzurichten.

Als Doherty im Herbst 2010 erstmals nach Kassel kam, bat ihn die künstlerische Leiterin, Carolyn Christov-Bakargiev, die KZ-Gedenkstätte Breitenau zu besichtigen. Es war ihr Anliegen, dass sich alle d13-Teilnehmer mit der geschichtlichen Identität Kassels beschäftigen sollten. Die historischen Hinterlassenschaften haben Doherty beeindruckt: Die Kriegszerstörungen, der schnelle Wiederaufbau.

Unter Druck, „CCBs“ Erwartungen gerecht zu werden, fühlte sich der zweimal für den Turner-Preis nominierte Künstler nicht. Es sei eher so gewesen, dass die Kuratorin sein Werk bereits gut gekannt habe. Doherty, der auf dem Land bei Derry (Nordirland) lebt, hat sich oft mit den Langzeitfolgen und Altlasten des Nordirland-Konflikts auseinandergesetzt, mit Spuren der Geschichte, die man nicht beiseite wischen kann, weil sie sich in den Seelen, in der Landschaft und Architektur eingegraben haben. Christov-Bakargiev habe ihn also gewähren lassen, sagt Doherty, sie habe sein Video nie gesehen bis zu dem Tag, als es installiert wurde.

Doherty kehrte gewissermaßen den Prozess des Filmemachens um. Er verbrachte viel Zeit in Kassel, er ließ sich treiben, an der Fulda, im Reinhardswald. Er sammelte Material - auch im Hugenottenhaus, ehe es sein Künstlerkollege Theaster Gates renovierte -, dem er erst nachträglich, im Schnittraum, eine Geschichte unterlegte: die einer schleichenden Giftkatastrophe, einer sich ausbreitenden Umweltzerstörung, der der Mensch, als Verursacher und Opfer, nicht entfliehen kann. Die Landschaft aber war da, bevor die Menschen mit ihren Konflikten eingriffen, und sie bleibt.

Doherty ist für vielschichtige Deutungen offen. Wusste er, dass der Reinhardswald Brüder-Grimm-Land ist? Ja, ihn überrascht die Frage nicht. Die Grimms hätten grundlegende menschliche Empfindungen, Begebenheiten in universal gültige Erzählungen überführt.

„Die documenta war eine Art Explosion“, sagt Doherty, sie habe eine neue Stufe an Sichtbarkeit seiner Arbeit bedeutet, er sei „ziemlich beschäftigt“: „Es gibt viele Anfragen.“ Obwohl „Secretion“ nur am Rand des d13-Areals zu sehen war.

 Von Mark-Christian von Busse

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.