Regisseurin Antje Thomas und Ausstatter Florian Barth stemmen am DT Göttingen Tracy Letts Ensemblestück mit viel Tiefgang

Willkommen in der Familienhölle

Ein Clan zerbricht: Paul Wenning (Charlie Aiken, v. l.), Angelika Fornell (Mattie Fae Aiken), Gerd Zinck (Steve Heidebrecht), Anja Schreiber (Karen Weston), Johanna Diekmeyer (Ivy Weston), Paula Hans (Jean Fordham), Gerrit Neuhaus (Little Charles Aiken). Foto: Winarsch

Göttingen. Am Anfang sieht man Beverly Weston, wie er dem neu eingestellten Mädchen Johnna (Nora Decker) Instruktionen gibt: über sein Haus in der Provinz von Oklahoma, seine Frau Violet, die tablettensüchtig ist, so wie er alkoholabhängig. Das Gespräch findet hinter einer der Projektionsflächen aus Folie, Tüll und Stoff statt. Sie durchstaffeln den Bühnenraum und geben mit wechselnden Bildern Ein- und Ausblicke in das Leben der Westons - mit ihrem Herrenhaus, mit ihren Visionen und Hoffnungen. Alte Familienfotos schieben sich dazwischen, Kinderkritzeleien, weite Landschaften.

Der Hausherr (Johannes Granzer) hat dieses Leben satt, er geht, um sich im See zu ertränken. Überlebensgroß wirft das Video seine Gestalt auf die transparente Fläche.

Doch gehört der dreistündige Theaterabend „Eine Familie“ des 44-jährigen US-Autors Tracy Letts im Deutschen Theater in Göttingen den Frauen: Gaby Dey dominiert gleich die Bühne als Ehefrau mit großen Auftritten und dramatischen Zusammenbrüchen. Wenn die Matriarchin ihre Familie, die zur Trauerfeier des Vaters gekommen ist, attackiert, wird aus der Lady im Cocktailkleid ein gnadenloses Biest. Großartig. Gezeter und Geschrei markieren den Weg dieser Psychoschlacht, der von Fred Kerkmann am Bühnenrand mit Banjo und Gitarre virtuos begleitet wird.

Bei den Westons ist viel los, seit der Vater nicht mehr ist. Beim Leichenschmaus am großen Tisch (Kostüme: Katharina Meintke) wird die trügerische Familien-Idylle mit zu Grabe getragen. Schicht um Schicht vor den Folien des kreativen Bühnenausstatters Florian Barth spüren die Gespräche den Verwerfungen des Clans nach. Immer tiefer geht es hinein in die Vergangenheit. Die Familie, ein Ideal oder ein nicht mehr lebbares Modell?

In Letts klassisch gebauter, 2008 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneter Geschichte deckt Regisseurin Antje Thomas mit gnadenlosem Realismus die Strukturen des Irrenhauses Familie auf. Heraus kommen Betrug, Geldgier und Inzest. Violet und ihre Tochter Barbara prügeln sich kreischend, der Onkel will seiner minderjährigen Nichte an die Wäsche, Tochter Karin stimmt wider besseres Wissen das Loblied auf ihren Verlobten an.

Dabei lässt Thomas Pointen spielen, tappt aber keinesfalls in die Sitcom-Falle. Ihre Personenführung macht aus vielen im Erfolgsstück am Broadway enthaltenen Klischees ans Herz gehende Psychogramme der Zerstörung. Brüchig, getroffen und gedemütigt wie Gaby Deys Mutter Violet, oder stark im Aushalten wie die poetische Figur der Barbara (Marie-Isabel Walke). Paul Wenning brilliert als Onkel Charles, ein Mann, der in mühsamer Würde zerbricht.

Zum Schluss sind die Folien zur Seite geschoben, das Haus ist zerstört. Kann man so weiterleben im Konflikt zwischen Familienbindung und eigenem Lebensentwurf? Letts gibt keine Antwort. Dafür hat er drei Stunden erzählt. Präzise, spannend, zum Lachen erschütternd. Tosender Applaus des Publikums für einen klassischen Theaterabend und das hinreißende 13-köpfige Ensemble.

Wieder am 20., 27.1., 5., 7.2. Karten: Tel. 0551-496911, www.dt-goettingen.de

Von Juliane Sattler

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