„Winterreise“ ins Vergessen: Jelinek-Stück im Kasseler tif

Befinden sich im Wettlauf mit der Zeit: Die Schauspieler Matthias Fuchs (von links), Agnes Mann, Uwe Steinbruch, Sebastian Klein und Björn Bonn. Foto: Klinger

Kassel. Fünf Reisende mit Rollkoffern stehen verloren in der weißen Weite der Bühne, versenken den Blick in gerahmte Winterlandschaften voller romantischer Sehnsucht, die dicht an dicht an den Wänden hängen.

Ein Lied wird angestimmt. „Fremd bin ich eingezogen ...“: Franz Schuberts und Wilhelm Müllers „Gute Nacht“ aus der 1827 komponierten „Winterreise“. Der Liederzyklus durchzieht als roter Faden Elfriede Jelineks gleichnamiges Stück, das Volker Schmalöer im Kasseler tif inszeniert hat. Dirk Raulf ist als Musiker auf der Bühne immer präsent.

Man könnte Jelineks Text, der keine klar benannten Rollen kennt, als Sprachgebirge inszenieren, überwältigend und fern. Stattdessen bringt Schmalöer ihn auf Menschenmaß, rückt ihn ganz nah. Er hat das Textungetüm nicht nur stark gekürzt, sondern auch so zergliedert und neu geordnet, dass Figuren und Dialoge entstehen.

Die „Mehrheit“ (Matthias Fuchs) agiert selbstgerecht, auftrumpfend, raumgreifend; „Natascha“ (Björn Bonn), unschwer als Natascha Kampusch zu identifizieren, ist ein Opfer nicht nur ihres Entführers, sondern auch der Gesellschaft und doch viel zu stark und schön, um nur Opfer zu sein. Bonn im Tüllkleid wirkt wie eine wandelnde Schneelandschaft (Kostüme und Bühnenbild: Valentinas Crnkovic). Der „Wanderer“ (Sebastian Klein) versucht, dem Phänomen Zeit sprachlich auf die Schliche zu kommen und verläuft sich zwischen Zukunft und Gegenwart.

Im Wettlauf mit der Zeit befinden sich im Grunde alle, sie versuchen, sie zu greifen, zu benennen, verzweifeln an ihr. „Die Zeit ist ein böses Tier, das da, wütend angepflockt, wartet“, sagt die „Autorin“ (Agnes Mann), Alter Ego Jelineks, die mit ihrer eigenen Rolle als Schriftstellerin, aber auch als Tochter, abrechnet.

Der „Vater“ (Uwe Steinbruch) ist an Alzheimer erkrankt und wird ins Heim abgeschoben. Seine Reise geht ins Vergessen, am Ende wird er ein leeres Blatt Papier sein.

Die Vater-Tochter-Szenen sind erschütternd. Man kann das vor dem Hintergrund sehen, dass Jelinek sich an ihrer Familiengeschichte abarbeitet, aber eigentlich ist das unwichtig, weil das Thema universal ist. Das Nachdenken über die Zeit, die Metaphern des Reisens und Wanderns laufen hinaus auf Alter, Demenz und Tod.

Man denkt nicht gern darüber nach, was es bedeutet, geliebten Menschen und schließlich sich selbst beim Verschwinden zuzusehen. Diese Inszenierung zwingt dazu - ohne Betroffenheitskitsch, aber auch ohne Zynismus. Und auch die Komik, die Jelineks Sprachspielereien bereithalten, wird klar herausgearbeitet. Man geht aus dieser Aufführung nicht zerschmettert, sondern bereichert. Langer Applaus für einen berührenden Abend.

Nächste Termine am 30. März, 4., 13., 26. April und 19. Mai, 20.15. Uhr, tif, Karten unter 0561/1094-222

Von Fabian Fröhlich

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