Interview: 20 Jahre Sepulkralmuseum Kassel

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Ein Haus für Sterben und Tod: Blick in die Dauerausstellung des Sepulkralmuseums

Sein 20-jähriges Bestehen feiert das Museum für Sepulkralkultur in Kassel heute mit einer Festveranstaltung, bei der auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann gratuliert. Wir sprachen mit Museumsleiter Reiner Sörries.

Wenn es um den Tod geht, wird oft vom Tabu gesprochen. Ist der Tod das wirklich noch?

Reiner Sörries: Ja und Nein. Seit 20 bis 30 Jahren gibt es - auch durch die Hospizbewegung - eine deutlich vergrößerte Gesprächsbereitschaft über Sterben, Tod und Trauer. Die Medien greifen diese Themen auf, es gibt satirisch-lustige Filme und Kabarett darüber - man kann sogar sagen, dass zu keiner anderen Zeit so viel über den Tod gesprochen wurde wie in unserer Gesellschaft. Ganz überspitzt kommt es mir manchmal vor, als wäre der Tod ansatzlos vom Tabu ins Unterhaltungsfach gewechselt.

Und andererseits?

Sörries: Wenn der Tod uns persönlich nahe kommt, wenn er in die Familien kommt, uns vielleicht sogar bald selbst betrifft, neigen wir nach wie vor dazu, sprachlos zu werden, das Sterben zu verschweigen.

Wie ist da das Museum für Sepulkrakultur positioniert?

Sörries: Es verdankt seine Existenz der gesellschaftlichen Öffnung. Andernfalls wäre es politisch nicht durchsetzbar gewesen. Unsere Aufgabe sehen wir wie jedes andere spezielle oder kulturgeschichtliche Museum darin, relevante Denkmäler der Sterbe- und Trauerkultur zu sammeln, zu bewahren und zu erschließen. Oft wird von uns auch erwartet, dass wir etwas zur gegenwärtigen Situation erläuternd beitragen, uns in aktuelle Fragestellungen einklinken, wie mit einer Ausstellung zum Thema Hospiz oder zu Frühgeburten. Deshalb verfolgen wir auch kulturgeschichtliche Ausstellungen immer bis in die Gegenwart.

Urnen- und anonyme Bestattungen nehmen zu, Friedwälder werden populär - glauben Sie, dass diese Tendenzen der Pluralisierung und Individualisierung noch zunehmen?

Sörries: Ganz eindeutig. Das wird sich weiter auffächern. Es wird in 50 Jahren noch Friedhöfe geben, aber ganz, ganz viele Alternativen. Dem tragen wir Rechnung, indem wir einen großen Bereich unseres Museums umbauen und ausdehnen, von der Grabmalkultur zu neuen Bestattungsformen.

Muss der Friedhofszwang aufgehoben werden?

Sörries: In zehn oder 20 Jahren wird er gefallen sein. Er ist bereits so durchlöchert, dass er de facto nicht mehr existiert. Auch wenn es eine rechtliche Grauzone gibt und man da viele Fragen stellen kann, ob das gut ist: Wenn Sie das möchten, stellt Ihnen jeder Bestatter die Urne zu Hause hin.

Bei der Mumien-Schau haben Sie eine Schwelle überschritten und Leichen ausgestellt.

Sörries: Solche Schwellen gab es im Lauf der 20 Jahre häufiger. Auch, weil wir sehr zaghaft begonnen haben und weil die Besucher erwarten, dass wir aktuell sind und näher am Tod dran als nur mit Kulturgeschichte oder Kunst, mussten wir immer wieder Neuland betreten.

Welche Schwellen können oder müssen das künftig sein?

Sörries: Auf alle Fälle der naturwissenschaftliche Bereich sowie medizin- und bioethische Fragestellungen: Sterbehilfe, was darf man mit dem Leichnam machen, auch das Thema Suizid. Die Frage, wie weit dürfen wir gehen, und der grundlegende Respekt vor dem Tod begleiten uns weiterhin.

Vor drei Jahren hat der FDP-Politiker Jürgen Koppelin Wirbel mit der Frage ausgelöst: „Warum muss ich ein Friedhofsmuseum in Kassel mit einer halben Million finanzieren?“ Hat sich diese Aufregung gelegt?

Sörries: Soweit ich es einschätzen kann, gibt es am Willen des Bundes, das Museum auch langfristig zu fördern, keine Zweifel. Ich sehe zurzeit keine Gefahr für das Museum.

War Herr Koppelin mal da?

Sörries: Er soll es inkognito besucht haben. Aber ich hatte ein Gespräch mit ihm in Berlin, da hat er das Museum nicht infrage gestellt. Das war wohl eher eine Stammtischparole, die natürlich bei der Bevölkerung gut ankommt.

Was sagen Sie jemanden, der noch nie da war? Was soll dieses Haus?

Sörries: Auf den kürzesten Nenner gebracht: Es gibt zwei große Triebfedern der Kultur in der Menschheitsgeschichte. Die Liebe und den Tod. Deshalb hat der Tod ein gewaltiges kulturelles Kreativpotenzial. Deshalb muss man eher fragen, warum es kein Museum für die Liebe gibt.

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