Interview: Farin Urlaub von Die Ärzte über das neue Album „auch“

„Wir sind abgehärtet“

Seit über 30 Jahren im Geschäft: Die Ärzte mit dem 1993 dazugestoßenen Rod (von links) und den Gründungsmitgliedern Bela B. und Farin Urlaub. Foto: nh

Die Ärzte aus Berlin bezeichnen sich selbstironisch als „Die beste Band der Welt“. Auf ihrem neuen Album „auch“ klingt das Trio jedenfalls frischer, frecher und fröhlicher als man nach 30 erfolgreichen Jahren im Musikgeschäft erwarten würde. Wir sprachen mit Sänger und Gitarrist Farin Urlaub alias Jan Vetter (48) über Schleimer, den Kult um Die Ärzte und bittere Erinnerungen.

Mit selbstironischen Liedern wie „Ist das noch Punkrock?“ und „zeiDverschwÄndung“ wenden Sie sich diesmal direkt an Ihre Fans. Finden Sie das Ausmaß Ihrer Verehrung übertrieben?

Farin Urlaub: Welche Band hat schon die Chuzpe, als allerersten Song eine Nummer zu nehmen, in der die Fans angesprochen werden: Haben die nichts Besseres zu tun als die Die Ärzte zu hören? Ich bin überrascht, wie viele Leute zu unseren Konzerten kommen. Darüber freue ich mich natürlich total.

In „Freundschaft ist Kunst“ singt Ihr Bandkollege Bela B. über Leute, die sich gern im Glanz von Künstlern sonnen. Je berühmter ein Mensch ist, desto mehr Leute heften sich an seine Fersen. Wie gehen Sie damit um?

Urlaub: Jeder von uns hat da seine eigenen Methoden. Wir sind in der Hinsicht ziemlich abgehärtet. Ich habe wenige echte Freunde, und die habe ich alle schon seit den 80er-Jahren. Schleimer und Arschlecker haben keine Chance, da reinzugrätschen.

Müsste in diesem Jahr nicht eigentlich eine große Party zum 30-jährigen Bestehen von Die Ärzte steigen?

Urlaub: Das interessiert uns nicht so. Wir sind viel zu vorwärtsgewandt, um uns in vergangenem Glanz zu suhlen. Wir müssen es immer wieder neu rechtfertigen, dass wir wirklich „Die Beste Band der Welt“ sind. Das geht nur, indem wir etwas Neues machen.

Wie würden Sie die spezielle Chemie der Band beschreiben?

Urlaub: Das müssten Sie mir eigentlich erklären. In dem Augenblick, wo man versucht, eine Erklärung zu finden, findet man vielleicht eine Formel, und dann läuft sich das Ganze plötzlich tot. Theatralisch könnte man es vielleicht so formulieren: Wir erfinden uns immer wieder neu. Aber so sehe ich es gar nicht. Wir machen halt das, worauf wir gerade Lust haben.

Ist das Musikmachen heute noch genauso prickelnd wie vor 30 Jahren, als sich alles neu anfühlte und irgendwie revolutionär war?

Urlaub: Es ist etwas ganz anderes. Einerseits haben wir immer noch unsere kleine Revolution. Wir versuchen uns ja den Marktmechanismen soweit es geht zu verweigern. Es gibt ein paar Dinge, die heute besser sind, aber manches nervt mich mittlerweile.

Was nervt Sie an Ihrem Beruf?

Urlaub: Was mich nervt, ist der Umstand, dass es keine Geheimnisse mehr gibt. In dem Augenblick, wo du irgendwas rausschickst, stellt es irgendein Schlaumeier ins Internet.

Und was ist heute besser?

Urlaub: Wir sind viel berühmter. Monetäre Interessen können wir einfach mal hinten anstellen. Wir wollten zum Beispiel unbedingt ein Konzert für Frauen und eins nur für Männer spielen, was wir im Dezember auch gemacht haben. Am Ende haben wir richtig fett draufgezahlt. Früher wäre so etwas nicht gegangen. Die Plattenfirma hätte gesagt, dass wir spinnen.

Wenn Sie zurückblicken, gibt es auch bittere Erinnerungen?

Urlaub: Wir haben auch Fehler gemacht. Einer war zum Beispiel, die Verlagsrechte an den alten Songs zu verkaufen – und zwar viel zu billig. Was soll’s. Aber es piesackt mich noch. Wenn das alle meine Sorgen sind, dann habe ich wenig Sorgen. Gucken Sie sich mal an, wo wir heute stehen. Die Ärzte: auch (Hot Action Records/Universal) Wertung: !!!!:

Von Olaf Neumann

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