"Wir sind mal kurz weg": Komödie Kassel feiert eine umjubelte Premiere

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Auf dem Jakobsweg unterwegs: Stefan Gossler als „der Angestellte“ (von links), Christoph Michael Schüchner als „der Beamte“ und Alexander Wipprecht als „der Lebenskünstler“.

Kassel. Ach ja, die Herren der Schöpfung: Erst rasseln sie mit den Säbeln, geben sich als clevere Geschäftsmänner, als Frauenhelden, Lebenskünstler oder Moralapostel, doch sobald das Büro, das Statussymbol oder die Frauen weit weg sind, schält sich der Jammerlappen oder der kleine, verletzte Junge heraus. So jedenfalls bei der neuen Produktion der Komödie Kassel: „Wir sind mal kurz weg.“

Die Premiere wurde am Donnerstag vor ausverkauften Rängen euphorisch gefeiert. In der von Tilmann von Blomberg verfassten Komödie, Regie hatte Katja Wolff, geht es um vier Männer, die sich auf der Flucht vor der Midlife-Crisis auf den Jakobsweg begeben. Die Vier verlaufen sich und begegnen einander an einem lauschigen Plätzchen irgendwo in der spanischen Pampa (Lob für das malerische Bühnenbild). Zwangsläufig müssen sie eine Nacht gemeinsam verbringen. Die Namen der Ausreißer erfahren die Besucher nicht.

Beruf und Image sind die Unterscheidungsmerkmale. Der „Selbstständige“ (Stephan Schill überzeugt als selbstgefälliger Macho) protzt mit Geld, Anzug, Job und junger Geliebten, der „Lebenskünstler“ (Alexander Wipprecht als liebenswerter Lebensflüchtling und Softie) mit seiner Freiheit und seinen Erfolgen bei Frauen. Der „Angestellte“ (Stefan Gossler, köstlich als tollpatschiger, türkischer Gemüseverkäufer) und der „Beamte“ (Christoph Michael Schüchner, brillant als verbitterter Lehrer) haben eine Menge Probleme.

Nach einigen Grabenkämpfen beginnt die Opferrolle die vier zu einen. Man(n) öffnet und tröstet sich und findet zu sich selbst. Die Inszenierung begeisterte zu Recht. Kokettierten vergangene Produktionen der Komödie gern mit einem Übermaß an Schlüpfrigkeiten, so wurde hier gelungen dosiert.

Statt Stammtisch-Zoten servierten die vier Sinnsucher spritzig-witzige Dialoge und spielten sich als gefühlvolle, mit Tiefe gezeichnete Charaktere in die Herzen der Besucher. Und singen können die liebenswerten Verlierer auch noch: Ohrwürmer aus den Pop-Etagen – in Deutsch. Riesenapplaus.

Das Stück läuft bis Ende Mai. Kartentelefon: Tel. 0561-18383.

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