Interview: Die Sängerin Maria Mena über das Massaker von Utoya und ihre Musik

„Wir sind verdammt stark“

Sie hat sich selbst kennengelernt: Maria Mena war zu Gast im Schloss Garvensburg in Fritzlar-Züschen. Foto: Zerhau

die norwegische Popsängerin war zu Gast im Fritzlarer Stadtteil Zü-schen. Vor dem Konzert sprachen wir mit ihr über das Massaker in ihrer Heimat und ihr neues Album.

Als Sie „Mitt lille land“ (Mein kleines Land) für die Opfer des Massakers von Utoya gesungen haben, hat das viele Menschen zu Tränen gerührt. Kann Musik einen heilenden Effekt haben?

Maria Mena: Ja, ganz sicher. Ich weiß aber nicht, ob das für meine Musik gilt. Viele Musiker in meinem Land haben sich nach dem Massaker gefragt, ob sie aufhören oder weiter für die Menschen singen sollen. Einer unserer bekanntesten Sänger, ein weiser, alter Mann, sagte: Das ist der Moment, in dem wir gerade singen müssen. Für die Norweger wurde in dieser Zeit die Musik sehr wichtig.

Wie sehen Sie Ihre Rolle im Trauerprozess?

Mena: Ich habe versucht, von dem Geschehen Abstand zu nehmen. Bis heute habe ich mich noch nicht hingesetzt und darüber nachgedacht, was wirklich passiert ist. Ich bekomme viele Reaktionen auf meinen Auftritt.

Aber das Lied, das ich gesungen habe, ist nicht mein eigener Song, also möchte ich ihn auch nicht für mich in Anspruch nehmen. Und letzten Endes sind die Hinterbliebenen und die Opfer das Wichtigste.

Ganz Europa war beeindruckt von der Reaktion der Norweger. Es schien, als wären sie noch entschiedener für eine offene Gesellschaft eingetreten. Wie hat das Massaker Ihr Land verändert?

Mena: Wir haben uns selbst beeindruckt. Ganz persönlich bin ich heute eine sehr stolze Norwegerin. Als kleines Land wirkten wir verdammt stark als Nation; und das sind wir auch.

Ihr neues Album trägt Ihren zweiten Vornamen Viktoria. Ist es autobiografisch?

Mena: Das sind alle meine Alben. „Viktoria“ ist die Fortsetzung des vorherigen Albums „Cause and Effect“, das von einem Mädchen erzählte, das frustriert und verärgert war und so richtig Dampf ablassen musste. Nun ist sie eine viel reifere Person geworden, die viel über Vergebung nachdenkt. Vergebung ist ein wichtiges Thema meiner neuen Platte.

Sind Viktoria und Maria also zwei unterschiedliche Personen?

Mena: Es hört sich etwas verrückt an, aber ich musste mich selbst kennenlernen. Es hatte sich so viel in mir angestaut, bis ich beschlossen habe, all das aufzuschreiben. Und danach entdeckte ich neue Seiten an mir. Ich bin plötzlich eine ruhigere Person, die ich gar nicht kannte. Maria gibt es immer noch, sie ist ängstlich, naiv und süß. Viktoria ist die Weisere und denkt nach, bevor sie etwas sagt. Maria tut das nicht.

Fühlen Sie sich oft heimatlos, wie es in einem Ihrer Lieder, „Homeless“, heißt?

Mena: Nein, ich fühle heute stärker, dass ich Wurzeln habe. Reisen fällt mir inzwischen viel leichter, weil ich so stark an mein Leben zu Hause gebunden bin und weiß, wo ich hingehöre. In dem Lied „Homeless“ geht es dagegen um eine Beziehung.

Ihre Stimme klingt in Ihren Liedern oft so, als würden Sie flüstern.

Mena: Da bin ich anderer Meinung. Ich schreie auch viel auf dem neuen Album. Bei „Homeless“ klingt meine Stimme sehr rau, weil ich erkältet war. Aber wir mochten diese Aufnahme so sehr, dass wir sie verwendet haben.

Maria Mena: Viktoria, Smi Col (Sony Music).

Von Olaf Dellit

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