Interview: Kuratorin Chus Martínez über die Klausur in Kanada und die Bedeutung für die documenta

„Wir waren die ganze Zeit in Kassel“

Kassel. Denken, diskutieren und spazieren gehen: Daraus bestand das zweiwöchige Seminar mit Chefkuratorin Carolyn Christov-Bakargiev und einem Team aus Künstlern und Experten in Banff. Chus Martínez, Leiterin der kuratorischen Abteilung, erzählt.

Frau Martínez, bei Panoramafotos aus Banff stockt einem ja schon ein wenig der Atem. Kann man in solcher Kulisse überhaupt denken?

Chus Martínez: Ja, sogar sehr gut. Das Banff-Center wurde extra gegründet, damit Leute hierherkommen und in Ruhe arbeiten und denken können. Das Draußensein ist dabei ein wichtiger Teil. Ich bin eigentlich nicht so ein Naturmensch, aber wir sind einmal acht Stunden gelaufen und konnten uns dabei toll unterhalten. Wir haben sogar einen Bären getroffen.

Können Künstler einen Bären verjagen?

Martínez: Wir hatten Gott sei Dank Leute dabei, die wissen, was zu tun ist. Wir haben einfach sehr lange gewartet, bis er wieder gegangen ist. Man darf sich ja nicht bewegen und muss dem Tier Respekt zeigen.

Wie haben Sie die zwei Wochen Klausur insgesamt erlebt?

Martínez: Es war eine tolle Erfahrung und sehr intensiv. Wir haben vormittags und nachmittags bis 16 Uhr Diskussionssitzungen gehabt und abends gab es öffentliche Vorträge, bei denen wir auch viele Zuhörer hatten.

Welche Fragen haben Sie diskutiert?

Martínez: Viele, vor allem zur Zukunft der Kultur. Zum Beispiel hat es uns beschäftigt, wie Zuschauer bei der Kunst nicht nur Zuschauer, sondern Beteiligte sein können. Wie kann ich dabei sein? Das betrifft alle Disziplinen: Kunst, Literatur, Sprache.

Gab es auch Antworten zu den Fragen?

Martínez: Die Leute wollen immer schnelle Ergebnisse, aber es gibt keine unmittelbaren Antworten. Wir können nur versuchen, mit Präsenz, Lust und Energie Hoffnung auf Veränderung zu geben. Man muss immer üben.

Manche haben sich gefragt, warum man zum Denken nach Kanada muss. Was geht dort, was nicht in Kassel geht?

Martínez: Wir waren ja die ganze Zeit in Kassel. Wir waren nicht weit weg, sondern zu 100 Prozent mit dem Geist bei den Kasselern. Wir sind nicht weggelaufen. Ganz im Gegenteil. Wir haben Kassel in die Welt getragen.

Wem hat das Seminar genützt? Der ganzen documenta oder nur den Teilnehmern?

Martínez: Denken nützt immer allen. Ich denke, dass unser Seminar wichtig für diese documenta und auch für kommende Ausstellungen ist. Es ist doch nur gut, wenn mehr documenta in der Welt verbreitet wird.

Was hat man jenseits des Atlantiks für ein documenta-Bild?

Martínez: Man kennt die documenta, aber es gibt keine Vorstellung davon, welche Forschungsposition dahintersteckt. Hier gibt es keine Ausstellung, für die man sich fünf Jahre Zeit nimmt.

Einige Kasseler wünschen sich von „CCB“ mehr Präsenz auf der documenta. Wird es die jetzt geben?

Martínez: Wir waren ja nicht ewig weg, aber es ist schön, dass wir vermisst werden. Und ja, in den nächsten Wochen wird viel Spannendes passieren, bei dem sie auch dabei sein wird, zum Beispiel am Samstag bei der logbuch-Vorstellung im Ständehaus.

Zwei Wochen Banff klingen ein bisschen nach Klassenfahrt. Mögen Sie sich alle noch?

Martínez: Ja, erstaunlicherweise. Wir sind wohl erwachsen geworden.

Von Saskia Trebing

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