Sex wird überbewertet: Sibylle Bergs neuer Roman

Tote Hose im Bett: Autorin Sibylle Berg mit Schauspieler Matthias Brandt im Werbevideo zu ihrem Buch „Der Tag, als meine Frau einen neuen Mann fand“. Foto: Youtube

Ihr Roman sei wie "Houellebecq mit besseren Sexszenen", sagt Schriftstellerin Sibylle Berg. In "Der Tag, als meine Frau einen Mann fand" erzählt sie von einem Paar, das die Liebe sucht.

Wenn Matthias Brandt onanierend am Laptop sitzt, sieht das sehr traurig aus. In einem Werbefilm für den neuen Roman von Sibylle Berg lesen die Schriftstellerin und der Schauspieler aus „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“. Erst liegen sie teilnahmslos nebeneinander im Bett. Anschließend holt sich Brandt einen runter und fragt: „Bedeutet die Ehe nicht zwangsläufig das Ende aller Gefühle?“

Der vierminütige Film passt wunderbar zu Bergs tollem neuen Buch, das auf den ersten Blick ebenfalls todtraurig ist und in dem die Wahl-Zürcherin fragt, was eigentlich wichtiger ist im Leben: Liebe oder Sex? Rasmus und Chloe sind Mitte oder Ende 40 und seit 20 Jahren ein Paar, aber im Bett herrscht nur noch tote Hose.

Rasmus ist ein Theaterregisseur, der nicht nur beruflich in der Krise steckt. Wenn er an sich hinunter schaut, sieht er den „fleischgewordenen Untergang, alles weiß, hängend“ und riecht den „imaginären Geruch des Verfalls“. Chloe arbeitet in einem Antiquariat und weiß, dass es „verdammt noch mal wichtigere Dinge zwischen zwei Partnern gibt, als sich pausenlos an den Primärgeschlechtsorganen herumzureißen“.

Als beide nach Afrika reisen, wo Rasmus mit Einheimischen ein Theaterprojekt erarbeitet, ändert sich alles. Chloe trifft den aus Osteuropa stammenden Masseur Benny und erlebt mit ihm sexuelle Gefühle, die sie nicht mehr kannte. Der junge Mann ist für sie so etwas wie ein menschgewordener Dildo. Als alle drei in Deutschland sind, stellt sich die Frage, für welches Lebensmodell sich die Protagonisten entscheiden.

In ihren bislang 15 Romanen und 16 Theaterstücken hat Berg immer wieder die Frage aufgeworfen, ob Sex nicht überbewertet ist. Oft wird sie mit dem französischen Skandalautor Michel Houellebecq verglichen. Die 52-Jährige hat nichts dagegen, sie sagt, ihr Buch sei „Houellebecq mit besseren Sexszenen“. Nicht nur wegen ihres Sprachwitzes hätte sie es längst verdient, den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor zu erhalten.

Ein Kritiker schrieb: „Wenn Sie in einer Beziehung leben und noch Sex haben: Lesen Sie das Buch besser nicht!“ Die Pointe dabei ist, dass Berg, selbst seit zwölf Jahren verheiratet, leidenschaftslose Liebe für viel erstrebenswerter hält als den nächsten Seitensprung oder Sado-Maso-Schwachsinn.

Viel Liebe hat sie auch für ihre 37 000 Twitter-Follower übrig: Ihre Leser schickt sie dort mit Tweets wie diesem ins Bett: „Mit einer kleinen Milzmassage möchte ich mich heute verabschieden. Nacht, ihr Bratzen.“

Sibylle Berg: Der Tag, als meine Frau einen Mann fand. Hanser, 256 Seiten, 19,90 Euro. Wertung: vier von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

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