Der Kasseler Fotograf Frederick Vidal macht Furore - Ausstellungen in Lausanne, Arles und Stuttgart

Wo Wirklichkeit fremd wird

So arbeitet Frederick Vidal: Was zuerst wie ein Google-Earth-Satellitenbild wirkt, ist die Fotografie von Computer-Platinen auf einem Wertstoffhof („o. T.“, C-Print, aus der Serie Entropia, 2009). Foto: nh

Kassel. Frederick Vidal hat einen „super Start“ als freier Fotograf. „Ich kann ganz gut von meiner Kunst leben“, sagt der ehemalige Meisterschüler der Kasseler Kunsthochschule: „zu mehr als 50 Prozent“.

Der 32-Jährige stellt zurzeit beim Fotosommer Stuttgart, in Arles und im Marburger Kunstverein aus, das Kasseler Regierungspräsidium hat seine große Arbeit angekauft, die in der Ausstellung „Interventionen“ zu sehen war. Aber vor allem zählt Vidal zu den aufstrebenden jungen Fotografen, die unter 700 Bewerbungen aus 120 Kunsthochschulen und Akademien für die Schau „reGeneration: Tomorrow’s Photographers Today“ im Musée de l’Élysée in Lausanne ausgewählt wurden.

Die Bestandsaufnahme der zeitgenössischen Fotografie ist bis 26. September am Genfer See zu sehen und geht dann nach Kapstadt, Mailand und New York. Auch für den „Prix Pictet“ ist Vidal nominiert, ein Preis für Fotografie und Nachhaltigkeit. Thema in diesem Jahr: Wachstum.

Genau das ist Vidals Interesse: wie Schattenseiten unseres Lebensstils ausgeblendet, an die Ränder der Städte verbannt werden. Vidal macht sie sichtbar - auf ungewöhnliche, faszinierende Weise. Er fotografiert bevorzugt an Orten, wo Besucher selten sind: Kläranlagen, Mülldeponien, Wertstoff- und Tierkörperverwertungen.

Vidal inszeniert und verfremdet nichts, er nutzt keine Effekte, weder Filter noch Unschärfen. Er gibt Wirklichkeit eins zu eins wieder, entfernt sich nicht vom Dokumentarischen und schafft doch abstrakte Bilder, die an Malerei erinnern, die ästhetisch ansprechend und manchmal von bizarrer Schönheit sind - ob er Schimmel abbildet oder Entenspuren, die sich auf der gefrorenen Fulda kreuzen. Vidal will das Rätsel, das seinen Aufnahmen innewohnt, so lang wie möglich aufrechterhalten, den Blick des Betrachters, der im Alltag gesättigt ist mit Bildern, festhalten. So erinnern die Herkules-stauden unter einer Brücke der Autobahn 49 an einen Dschungel, die Aufnahmen aus der Kläranlage sehen aus wie  Google-Earth-Satellitenbilder aus großer Höhe, wären da nicht Wattestäbchen oder Tampons auszumachen.

Auf den Deponien reagiert man offen und freundlich, wenn Vidal mit seiner altertümlichen Plattenkamera „wie im Western“ (eine 4x5-Inch-Toyolaufbodenkamera) auftaucht. Bei der Tierverwertung war man reservierter. Kein Wunder: Der Gestank dort sei bestialisch, „das lässt sich nicht beschreiben“. Nichts dagegen die Bakterien, die ihm nach dem Besuch der Kläranlage Durchfall bescherten.

„Man hört nie auf, Motive zu suchen“, sagt Vidal. Er macht auch Schnappschüsse bei Partys. Einmal betrachtete er bei einer Fete von einem Balkon an der Goethestraße eine Efeuwand. Bei Tageslicht kam er wieder, mit Kamera. Bei Vidal sieht der Efeu aus wie die Luftaufnahme eines Urwalds.

Von Mark-Christian von Busse

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