Wörter statt Effekte: „Nathan der Weise" bei den Hersfelder Festspielen

Lernen voneinander: Stephan Schad (als Nathan, links) und Stephan Ullrich (als Tempelherr). Foto:  Freese / nh

Bad Hersfeld. Der Lärm von Hubschrauberrotoren zerreißt die Stille der Bühne. Immer lauter, immer näher rauscht das Dröhnen heran, man will sich unwillkürlich wegducken vor der unsichtbaren Bedrohung. Akustisch ordnet Intendant Holk Freytag seine Inszenierung von Gotthold Ephraim Lessings Toleranzlehrstück „Nathan der Weise“ bei den Bad Hersfelder Festspielen in einen aktuellen Bezugsrahmen ein.

Der ewig unruhige Nahe Osten, der schwärende Krieg von Religionsfanatikern jeder Couleur (im Stück heißt es „Die fromme Raserei, den besten Gott zu haben“) wirkt fortan wie eine Grundierung für das 1779 entstandene Drama, das in Jerusalem während der Kreuzzüge spielt. Im gefleckten Kampfanzug, den der christliche Tempelherr unter dem historischen Gewand trägt (Kostüme: Michaela Barth), wird sie auch optisch weitergeführt.

Mit viel Applaus für Darsteller und Regieteam ist das Eröffnungsstück am Samstagabend vor 1400 Zuschauern in der Stiftsruine über die Bühne gegangen. Die Stückauswahl ist trotz aller thematischer Aktualität mutig, weil das Drama mit ganz wenig Handlung auskommt. Eigentlich wird nur gesprochen und nachgedacht.

Deshalb hat sich der Regisseur dafür entschieden, die Klarheit der in den Dialogen und Selbstgesprächen ausgebreiteten aufklärerischen Gedanken nicht durch Bühnenzauber aufzumotzen. Effekte, Verwandlungen, Kulissen gibt es nicht, die Texte stehen in der ehrwürdigen Ruine für sich. Ted Meier inszeniert lediglich die Mauern mit Lichtstimmungen zwischen intim-behaglich und sich gleißend öffnend in die Weite der Welt. Dazu lodern drei Feuer.

Die Entscheidung geht auf, weil die Darsteller größtenteils so überzeugend sind, dass sie das Lehrstück mit Tiefe und Leben füllen können.

Allen voran Stephan Schad als Nathan. Ein impulsiver Geschäftsmann, der sich auch mal einen Moment des emotionalen Überschwangs gönnt, wenn er erfährt, dass seine Ziehtochter Recha (Charlotte Puder in jugendlicher Natürlichkeit) aus Gefahr gerettet wurde. Seine körperliche Spannung löst sich in einem Tänzchen. Nathan klatscht sich mit einem Freund brüderlich ab wie in einer Straßengang und macht später drucksig aus seiner Unsicherheit keinen Hehl, als er zum Sultan Saladin (mit augenrollender Mimik: Dirk Glodde) und dessen Schwester Sittah (Marie Therese Futterknecht in Nadelstreifenanzug mit Kopftuch) einbestellt wird.

Nathan ist bei Stephan Schad mit Intellektuellenbrille und über der Hose getragenem weißen Hemd weder klischeehaft zurechtgemachter Folklore-Jude noch abgeklärter Predigt-Onkel. Er ist ein vielschichtiger Typ, der zwar seines Wohlstands und Einflusses gewiss ist, aber auch dazu steht, dass er mal nachdenken muss, bevor er zu seinen Toleranzeinsichten kommt. Einer, von dem man sich auch heute gern die Ringparabel von der Gleichwertigkeit der Religionen erzählen lassen möchte.

Stephan Ullrich macht mit vielen Identifikationsmöglichkeiten fürs Publikum den persönlichen Reifeprozess seines Tempelherrn spürbar, der es schafft, religiöse Vorurteile zu überwinden.

Annett Kruschke, Manfred Stella, Hans-Christian Seeger und Fabian Baumgarten spielen die weiteren Sprechrollen.

Wenn sich am Ende herausstellt, dass alle trotz ihres unterschiedlichen Glaubens miteinander verwandt sind, dimmt der Regisseur das Pathos angenehm herunter und arbeitet zum Finale erneut mit einem starken Akustikeffekt. Er lässt die wunderschön-schlichte A-Dur-Klaviersonate ertönen: Der Frieden klingt wie Mozart.

Festspiele bis 11. August, Kartentelefon: 06621/640-200.

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