Theater-AG der Herderschule überzeugte mit zynischem Psychogramm der Mittelschicht

Das Wohlfühlland ist abgebrannt

KASSEL. Sie ist nicht totzukriegen: Die These vom Niedergang der gesellschaftlichen Mitte füllt Sachbuchregale und Talkshowrunden. Dem Zeitgeist entsprechend rief die Theater-AG der Herderschule am Donnerstagabend zur Premiere von „Aus der Mitte der Gesellschaft“ (Sprachkonzert nach Marc Becker), um den moralischen Zustand der deutschen Mittelschicht vom Theater aus zu beleuchten. Die folgte brav und nahm im zur Arenabühne umgebauten Musikraum Platz, um einem Sehnsuchtsort der Deutschen bei seiner Zertrümmerung zuzusehen.

Auftritt der normalsten Menschen der Republik: Die 24 Darsteller haben je 1,37 Kinder und trinken 113,9 Liter Bier im Jahr. Nun sitzen sie mit weiß geschminkten Gesichtern und in grauer Kleidung um einen Tisch herum und wollen doch nicht glücklich sein. Also flugs die zeitgenössischen Heilsversprechen und ihre Alternativen durchdekliniert: Karriere? Ein Holzweg. Jede neue Wohnung ist nur Hoffnung auf eine noch bessere. Stagnieren? Noch schlimmer, denn der Statusvergleich ist laut Massenmedien höchste Bürgerpflicht. Alkohol? Immer eine Möglichkeit („lieber besoffen als betroffen“), denn das Leben mit der schmarotzenden Sozialstaatsklientel ist nicht leicht. Aus Politikverdruss wird selbst der Gang unter die Diktatorenfuchtel zur ernsthaften Option. Furios und spieltechnisch auf sehr hohem Niveau inszeniert von Thomas Bürger. Langer, euphorischer Applaus der etwa 120 Gäste.

Wieder heute und am 18., 20. und 21.6, 20 Uhr, Herderschule, Maulbeerplantage 1, Karten: Tel. 0561/54817, Mo-Fr 8-13 Uhr und im Back-Shop Unterneustadt.

Von Lennart Martens

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