Wolf Haas: "Mit Humor beschäftige ich mich nicht"

Wolf Haas

Am Samstag bekommt Schriftsteller Wolf Haas den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor. Seine Brenner-Krimis sind nur deshalb so lustig, weil sie eigentlich todernst sein sollen.

Kassel. Kritiker halten Wolf Haas für den besten deutschsprachigen Krimi-Autoren. Lustigere Bücher als seine Romane um den Privatdetektiv Brenner findet man ebenfalls weit und breit nicht. Es ist also nur folgerichtig, dass der österreichische Schriftsteller am Samstag den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor bekommt. Wir befragten den 55-Jährigen, von dem zuletzt „Brennerova“ erschien.

Herzlichen Glückwunsch zum Kasseler Literaturpreis. Was bedeutet es Ihnen, in einer Reihe zu stehen mit Preisträgern wie Loriot, Ernst Jandl und Robert Gernhardt?

Wolf Haas: Danke. Bei der illustren Reihe von Vorgängern kann ich nur hoffen, dass sich keiner von denen meinetwegen im Grab umdreht. Obwohl das Umdrehen im Grab ja auch eine eher komische Bewegungsform ist, also insofern wär’s auch wieder in Ordnung.

Ganz ehrlich: Was wussten Sie bislang über den Preis?

Haas: Als Autor muss man Preise nicht kennen, sondern kriegen.

In der Begründung heißt es, Sie bedienten sich mit Wortneuschöpfungen, Abschweifungen, Stilbrüchen und einer parodistischen Kunstsprache der „Wunderkammer des Komischen“. Welche Funktion hat Humor in Ihren Büchern?

Haas: Humor ist eigentlich gar kein Thema, mit dem ich mich beschäftige. Manchmal entsteht er einfach daraus, dass ich den ganzen literarischen Klimbim weglasse. Der literarische Tonfall ist eben sehr gediegen. Wenn man in so einem Umfeld nur einen normalen Satz schreibt, ist er schon komisch.

Haben Sie schon einmal überlegt, einen todernsten Roman zu schreiben?

Haas: Ich hab das noch bei jedem einzelnen meiner Bücher versucht. Mir entgleist nur immer alles. Vielleicht sollte ich einmal versuchen, einen komischen Roman zu schreiben, damit er ernst wird.

Bevor Ihr erster Krimi erschien, wurden etliche Ihrer Manuskripte abgelehnt. Wie sind Sie damit umgegangen?

Haas: Na ja - wenn man jung ist, klammert man sich an die Zukunft. Bis man alt genug ist, um sich an die Vergangenheit zu klammern.

Sie haben einst als Werbetexter gearbeitet. Inwiefern profitieren Sie heute davon, Kampagnen wie „Lichtfahrer sind sichtbarer“ erfunden zu haben?

Haas: In der Werbung ist es auch so, dass Komik so manches erträglicher macht. Aber so prägend war die Zeit für mich nicht, weil ich mich schon davor mit dem Bücherschreiben beschäftigt habe.

In Ihren Büchern geht es um den Plot, aber auch um die Form. Was ist schlimmer: Wenn die Geschichte nicht mit der kunstvollen Sprache mithalten kann oder umgekehrt?

Haas: Ich kann das gar nicht unterscheiden. Kunstvolle Sprache interessiert mich sowieso nicht. Aber sobald man irgendwas zu erzählen versucht, ist man eben in einem sprachlichen Klischee verheddert, und man muss irgendwie versuchen, sich da rauszustolpern. So ergibt sich der Rest.

Wie geht es weiter mit dem Brenner, den Sie literarisch schon beerdigt hatten, ehe Sie ihn zum Glück der Leser doch wieder zum Leben erweckten?

Haas: Das ist schwer zu sagen. Ich beerdige ihn täglich, er hat sich aber bisher erfolgreich dagegen gewehrt. Irgendwie lande ich heute immer bei dem Thema bewegter Gräber. Vielleicht ist das ja die Funktion von Humor. Man will das Grab ein bisschen umdrehen.

Zur Person

Geboren: am 14. Dezember 1960 in Maria Alm am Steinernen Meer hinter der deutsch-österreichischen Grenze.

Ausbildung: Germanistikstudium, Dissertation über die Grundlagen der Konkreten Poesie.

Arbeitete als Werbetexter und Deutschlehrer. Durchbruch als Autor: 1996 mit dem ersten Brenner-Krimi „Auferstehung der Toten“.

Privates: Lebt in Wien. Mehr verrät er nicht („sonst kommt noch Langeweile auf“).

Der Preis

Geschichte: Der Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor wurde 1985 vom Kasseler Schriftstellerpaar Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner gestiftet. Vergeben wird die mit 10 000 dotierte Auszeichnung von der Stiftung Brückner-Kühner und der Stadt Kassel.

Erster Preisträger: Loriot (1985)

Preisträger der letzten zehn Jahre: Gerhard Polt (2006/7), F. W. Bernstein (2008), Peter Rühmkorf (2009, postum), Herbert Achternbusch (2010), Thomas Kapielski (2011), Ulrich Holbein (2012), Wilhelm Genazino (2013), Dieter Hildebrandt (2014, postum), Frank Schulz (2015).

Förderpreis: Die mit 3000 Euro dotierte Auszeichnung geht an Kirsten Fuchs (Berlin).

Verleihung: Samstag, 17 Uhr, Stadtverordnetensaal des Kasseler Rathauses.

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