Wolfgang Bittner legt den Roman „Schattenriss“ vor

Viel Zeit zum In-sich-gehen: Der Held in Wolfgang Bittners Roman kommt in einer Kurklinik zum Innehalten - und verliebt sich. Unser Bild zeigt die Kuranlagen in Bad Ems. Foto: von Busse

Manchmal liest sich der neue Roman des Göttinger Schriftstellers Wolfgang Bittner, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, wie eine Zwischenbilanz.

Sein Protagonist Ludwig Mahler, den er in „Schattenriss. Die Kur in Bad Schönenborn“ in eine Klinik in einem idyllisch gelegenen Städtchen schickt, ist selbst Autor - und hadert mit dem Alltag eines freischaffenden Literaten, in dem Betriebsamkeit und nie nachlassender Fleiß notwendig sind, um sich ein regelmäßiges Einkommen zu erschreiben.

Bittner weiß, wovon er redet - seit Mitte der 70er hat sich der promovierte Jurist als Autor von über 50 Kinder- und Jugendbüchern, Romanen und Sachbüchern einen Namen gemacht. „Ich habe es schon lange nicht mehr nötig, mich dem Mainstream anzupassen, zu lavieren und zu scharwenzeln“, zeigte er sich 2010 bei der Verleihung des Kölner Karls-Preises für engagierte Literatur und Publizistik befriedigt.

Man darf also vermuten, dass im Helden auch der Verfasser steckt, wenn Mahler beim Besuch des Buchladens in der Kurstadt einen „Wust von Kitsch und Kram und Horror“ geißelt, neben „herkömmlichen Pferde-, Hexen- und Drachenbüchern“. Mahler fühlt sich der Mehrheit der „Menschenfamilie“ nicht zugehörig, kann deren Leidenschaften und Abneigungen nicht teilen.

Bittner ist allerdings nicht so naiv, oder auch so elitär, diese Haltung nicht im gleichen Augenblick infrage zu stellen: Dann zügelt sich sein Protagonist, erklärt er sich für abgehoben und überheblich.

Mahler erlebt nach einer Gallenblasen-OP und einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse (nicht allzu einladende Themen auf den ersten Seiten) im abgeschiedenen Bad eine Schaffenskrise. Der Aufenthalt wirkt gleichzeitig wie ein Jungbrunnen: Der verheiratete Mahler - wie sollte es anders sein - verliebt sich. Dass seine Geliebte eine vermögende Zürcher Anwältin ist, die das Leben zu genießen weiß, ist für den griesgrämigen, mit nüchternem Geschichts- und Kulturpessimismus ausgestatteten Mahler eine Herausforderung.

Sein Gerechtigkeitsempfinden, seine Widerständigkeit werden gereizt - auch das Eigenschaften, die sich Bittner bei der Kölner Preisvergabe zugeschrieben hat. Die unterschiedlichen Lebensverhältnisse entpuppen sich als Zerreißprobe für die Kurschatten-Affäre. Bittner beschreibt sie wohltemperiert, mit souveränem Überblick und großer stilistischer Sicherheit.

Wolfgang Bittner: Schattenriss. Die Kur in Bad Schönenborn. VAT, 240 Seiten, 18,90 Euro, Wertung: !!!::

Von Mark-Christian von Busse

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