Interview mit Autor Wolfgang Büscher: „Da geht es auf Leben und Tod“

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Wolfgang Büscher

Kassel. Wolfgang Büscher ist von Berlin nach Moskau gelaufen, er hat Deutschland umrundet, und nun hat er die USA durchquert - von der kanadischen Grenze bis Texas. Sein Buch „Hartland“ über seine Wanderung durch Amerika stellt der aus Volkmarsen (Waldeck-Frankenberg) stammende 60-Jährige am Donnerstag in Vellmar (Kreis Kassel) vor. Ein Interview:

Von Mark-Christian von Busse

Man hat zu Beginn wenig Lust darauf, sich auf die USA einzulassen und Sie gewissermaßen lesend zu begleiten. So abschreckend schildern Sie die entwürdigende Kontroll-Prozedur an der Grenze. Haben Sie je daran gedacht, Ihr Vorhaben aufzugeben?

WOLFGANG BÜSCHER: Es gab den Moment, wo ich sehr daran gezweifelt habe, ob die mich reinlassen. Dann folgt die normale männliche Trotzreaktion: Wenn Ihr nicht wollt, will ich auch nicht. Ihr könnt mir den Buckel runterrutschen. Dann geh ich halt wieder nach Hause. Das war’s dann mit mir und Amerika. Aber das kam ja dann anders. Ich glaube, was ich erlebt habe, war nur eine gesteigerte Form dessen, was viele bei ihrer ganz konventionellen Einreise erfahren. Es ist halt so, dass nach dem 11. September die Kontrollen sehr scharf geworden sind. Ohne Fingerabdrücke und peinliche Befragungen zu persönlichen Dingen läuft es nicht. Aber wenn man es erstmal hinter sich hat, ist es auch vorbei. Mir ist etwas Vergleichbares nie wieder passiert.

Aber Sie sind in Situationen geraten, die man als Leser als brenzlig oder heikel empfindet. Wie gehen Sie mit Angst um?

BÜSCHER: Angst ist etwas, was man in Situationen, in denen etwas passiert, gar nicht hat. Angst hat man vorher, wenn man sich nicht traut, oder hinterher, wenn einem die Erinnerung in die Knochen fährt. Ich glaube, das kennt jeder, der mal einen Autounfall hatte. Im Moment selbst ist man ja hellwach und reagiert instinktiv. Da ist für Angst kein Platz im Kopf. Hinterher zittert man am ganzen Leibe. Amerika ist schon ein weitaus wilderes Land, als wir das kennen. Es gibt Raubtiere vom Berglöwen bis zur Klapperschlange: Die Warnung vor dem Berglöwen hat mich von Nord-Dakota bis Oklahoma begleitet.

Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Ich wusste, dass die sehr lange Strecken zurücklegen. Die leben an sich in den Rocky Mountains, aber sie folgen den Flüssen, die da entspringen und über die Große Ebene zum Missouri hinfließen. Die sind ausgesprochene Wanderer und ich hab immer mal wieder konkrete Hinweise bekommen: Hier ist einer gesehen worden, pass mal auf. Der normale Amerikaner hat damit nichts zu tun, weil er im Auto sitzt. Natürlich stellen sich auch mal die Nackenhaare auf, wenn man allein in einer unübersichtlichen Gegend unterwegs ist, und dann knackt ein Hölzchen. Man fragt sich: Wer hat da jetzt draufgetreten? Aber ich glaube nicht, dass die Berglöwen einfach mal so Menschen angreifen.

Das würden sie nur tun, wenn sie extrem hungrig sind, und in der Jahreszeit, in der ich unterwegs war, wo viele Jungtiere geboren werden, ist ja der Esstisch des Berglöwen reich gedeckt. Und es gibt Naturereignisse wie Blizzards, Wirbelstürme jeder Art. Da geht es auf Leben und Tod. So einen Tornado habe ich auch mal erlebt.

Die Natur - Schnee, Wind, Hitze – empfindet man beim Lesen als bedrohlich und übermächtig. Sie schreiben von der „Leere vor der Ankunft des Menschen.“ Uns scheint dieses Empfinden verloren gegangen zu sein.

BÜSCHER: Mitteleuropa ist ja eine vom Menschen durchgestaltete Landschaft. In den Great-Plains-Gegenden im Mittleren Westen, den ehemaligen Großen Prärien, da gibt es ja gar keine Landschaft in unserem Sinne, also mit einer gewissen Abwechslung. In Nordhessen laufen Sie um eine Flusskurve, und es bietet sich ein anderes Bild. Und hinter dem nächsten Hügel wieder. Dort gibt es ein einziges Bild: die riesige, unendlich flache Weite, in der man sich verloren vorkommt. Selbst wenn man Auto fährt, ändert sich das nicht. Da kann man viele Tage fahren, und es bleibt immer gleich.

Dass Sie zu Fuß gegangen sind, hat immer wieder für Befremden gesorgt.

BÜSCHER: Jeder hat mir gesagt: Du bist verrückt. Nach drei Tagen wirst Du vom Sheriff hopsgenommen. Aber das hat sich als guter Griff erwiesen, weil immer wieder jemand angehalten hat und gefragt hat, ob ich ein Stück mitfahren will. So hab ich eine Menge Leute kennengelernt.

Sie tauchen tief in die Historie ein, schildern die Entdeckung der Prärie, die Forschungsreisen und Trecks gen Westen, den Untergang der Indianer, die Ausrottung der Büffel. Es wirkt, als seien in den USA Traditionen und Mentalitäten lebendig, von denen wir in Deutschland wenig wissen. Fehlt uns das Gespür für diese Prägungen der Amerikaner?

BÜSCHER: Das glaube ich ganz bestimmt. Weil wir das innere Amerika kaum besuchen und gar nicht kennen. Europäer besuchen zu 90 Prozent die wenigen Orte Amerikas, die halbwegs so sind wie Europa: New York, San Francisco, Florida oder Boston. Das ist so, als ob jemand sagen würde, ich habe Deutschland besucht, und er war nur mal kurz in Bremerhaven. Ich versuche, die amerikanische Mentalität darzustellen und zu verstehen, wie sie ist. Ich will sie nicht in Grund und Boden kritisieren, mit meinem europäischen Gedankengut darauf losgehen. Das ist nicht meine Aufgabe. Meine Aufgabe ist, das Land zu schildern, wie es ist. Bei Lesungen stößt das manchmal auf Unverständnis.

Ich mache die Erfahrung: Man erwartet fast, dass ich ständig den Kopf schüttele und schreibe: Mein Gott, diese Amis ... Wie sind die nur...? Wie können die nur...? Aber das ist nicht meine Haltung. Ich finde, bevor man etwas kritisiert, muss man es erstmal verstehen. Zum Beispiel die Opposition gegen Obama und die Gesundheitsreform, die im Mittleren Westen wirklich unisono vorhanden ist. Die kann man verstehen aus dem Geist Amerikas heraus. Menschen, die damals nach Amerika ausgewandert sind, waren ja junge, tatkräftige Menschen in den besten Jahren, die etwas auf die Beine stellen wollten.

Für die ist der Gedanke, dass der allmächtige Staat die Rente und die Lebensrisiken absichert, fremd. Damit ist Amerika groß geworden. Dass das an Grenzen stößt in einer alternden Gesellschaft, ist wohl wahr. Aber dieser amerikanische Urimpuls ist lebendig. Das muss man erstmal respektieren. Diese Auswanderer sind ja unsere Urgroßeltern. Das sind ja keine Aliens. Wenn die alles hätten haben wollen, wie es in der Alten Welt war, hätten sie ja nicht weggehen müssen.

Sie denken im Buch viel über Freiheit nach, dieses größte amerikanische Versprechen. Hat sich Ihr Verhältnis zur Freiheit verändert?

BÜSCHER: Wenn ich so auf die Atomdebatte gucke und auf manches andere, finde ich schon, dass wir uns eine Scheibe abschneiden könnten von einer gewissen amerikanischen Unbekümmertheit. Wir kriegen ziemlich schnell das Fracksausen. Das kann man sich alles erklären, das hat Gründe: Es gibt kaum eine Familie, die nicht unter dem Krieg gelitten hat, die nicht menschliche und materielle Verluste hatte. Das steckt in der kollektiven Erinnerung, in der Seele des Volkes. Vielleicht stammt daraus ein manchmal übersteigertes Sicherheitsbedürfnis.

Aber wir sind ja ein stabiles, tatkräftiges Land, wir haben doch was geleistet, wir sind kein schwankendes Blatt im Wind. Darauf kann man doch auch mal - ja, ich hätte jetzt fast gesagt: stolz sein. Das kann auch zur seelischen Beruhigung beitragen. Schauen Sie sich die Finanzkrise an. Alles schlottert. Was ist London, wirtschaftlich? Ein Finanzplatz mit ein bisschen Handwerk drumrum. Deutschland ist ja nicht umsonst Exportland, weil wir eine Realwirtschaft haben, die Dinge produziert, die die Welt offensichtlich braucht. Das verdampft doch nicht in fünf Minuten. Man muss doch nicht so ängstlich sein.

Ist auf den amerikanischen Traum noch Verlass? Können heutige Glückssucher, die Mühseligen und Beladenen, dort noch – das Wort stammt von Ihnen - „Erlösung“ finden?

BÜSCHER: Da bin ich nicht mehr so sicher. Amerika macht einen Prozess der Ernüchterung durch und in gewisser Weise der Degradierung. Das tolle Land der Mondlandung und von Kennedy, das immer optimistisch ist, dem alles gelingt, das stärkste, vorbildliche Land der Welt - das ist nicht mehr so. Die Amerikaner spüren das. Das spiegelt die Härte der inneramerikanischen Auseinandersetzung wieder.

Die Menschen erscheinen bei Ihnen gleichzeitig als Vereinzelte, einsam, für sich zu sein, Sie nennen das „die große Gleichgültigkeit der Straße“, aber auch als aufgeschlossen, freundlich und hilfsbereit.

BÜSCHER: Man kann es so sagen: Immer, wenn ich Anflüge von Verzweiflung über Amerika hatte, waren mein Trost die Amerikaner. Die Amerikaner haben etwas erfrischend Freundliches, Pragmatisch-Zupackendes und auch Hilfsbereites, ohne großes Brimborium zu machen. Da entstehen keine Freundschaften fürs Leben. Aber ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, wenn Not am Mann war, wenn ich Hilfe brauchte, die kam dann schon. Das über eine Nation sagen zu können, ist schon viel.

Sie schildern den Verlust Ihres Rucksacks am Schluss sehr lapidar, fast nebensächlich. War das nicht eine Katastrophe für Sie? Haben Sie so Ihre Notizbücher verloren? Oder kristallisiert sich der Text wesentlich aus der Erinnerung heraus?

BÜSCHER: Das Prinzip bei solchen Reisen ist, dass das wichtigste am Mann sein muss, wie man so sagt. Also in der Hemd- oder der Hosentasche. Ich habe die Notizbücher immer zwischendurch nach Hause geschickt. Aber die stärksten Sachen schreibt man sowieso aus der Erinnerung heraus, nicht aus dem Notizbuch. Trotzdem: Das ist der Rohstoff dieser Reise. Das war also eine kleinere Katastrophe.

Wie schwer ist beim Schreiben die Verdichtung? Wie konnten Sie die Fülle des Erlebten sortieren? Sie danken ja auch denjenigen, die nicht im Buch vorkommen.

BÜSCHER: Was es mir leicht macht, ist, dass die Dramaturgie vorgegeben ist durch den Reiseablauf. Das Zweite ist: Ich vertraue immer mehr den starken inneren Bildern. Weg von der Vorstellung, ich muss meine Notizen, die Fakten abarbeiten. Deswegen kann eine Szene, die in der Wirklichkeit drei Minuten dauert, im Buch ein ganzes Kapitel dauern, weil es etwas hergibt, was eine Erzählung ausmacht. Dann gibt es Strecken der Monotonie, wo wenig passiert, eine ganze Woche wird zu einem Nebensatz.

Auf Ihrer Wanderung erinnern Sie sich intensiv an Ihre Kindheit in Volkmarsen, bis zum Geschmack der Kräppeln. Sie schildern die Armut, aber auch den Aufbruchsgeist, das ständige Arbeiten. Sie zitieren Ihren Vater: „Zu Fuß wäre ich damals nach Amerika gegangen.“ Es klingt, also Sie sich mit den Pionieren des Westens identifizieren.

BÜSCHER: Na klar, das hat doch was, das ist doch klar. Wenn ich an meine Kindheit denke, war die erfüllt von Aufbaugeräuschen. Hammerklänge, Mörtelmischmaschinen, Dach decken. Meine Mutter sagte neulich: Heute ist es hier im Ort so still. Damals, vor 30, 40 Jahren war es nie still. Wenn die Leute von der Arbeit kamen, haben sie gebaut. Jeder hatte ständig etwas zu bauen.

Oder man war im Nebenerwerb landwirtschaftlich tätig.

BÜSCHER: Natürlich hat diese Kulisse etwas Lebendiges, Optimistisches: Wenn gebaut wird, etwas entsteht, wenn Menschen etwas anpacken, wenn es vorangeht. Das ist auch in Amerika etwas Seltsames: Diese Stille. Die Leute sind ja entweder im Haus oder im Auto. Es gibt ganze Städte, die sind leer. In Wichita, Kansas, haben die Stadtväter sogar lebensgroße Menschenskulpturen aus Bronze aufgestellt, menschliche Szenen, um eine Idee von Belebtheit in Straßen zu bringen, wo kein Mensch ist.

Sie schreiben auch über Veranden, die immer leer sind.

BÜSCHER: Im Norden. Der Süden fängt an, wo die Kufen des Schaukelstuhls auf der Veranda auf den Holzdielen anfangen zu knarzen, nicht weil der Wind ihn schaukelt, sondern weil da ein Mensch drinsitzt. Diese spanisch-katholische Grandezza des Südens - ich lass es mir mal gutgehen - widerspricht dem puritanischen Geist des Nordens.

Sie schreiben auch von der „manchmal rohen, ungeschlachten, manchmal unfassbar feinfühligen Sprache“ Ihrer Kindheit. Ihre eigene Sprache ist literarisch ausgefeilt und anspruchsvoll, nicht der Stil eines Journalisten, der in der Tagesproduktion arbeitet. Wie wichtig ist Ihnen Sprache?

Büscher: Absolut wichtig. Das ist mein Terrain, die Sphäre, in der ich mich betätige. Das hätte sonst keinen Sinn. Ich mag auch diese schnell hingehauenen Journalistenbücher nicht, diese aufgeblasenen Zeitungsartikel. Ich kenne ja beides. Eine Tageszeitung ist kein Lyrikseminar, schon klar. Da geht es um Informationen, konkrete Schilderungen. Aber ein Buch muss einen anderen Bestand haben, eine andere Langwelligkeit als ein Artikel.

Wolfgang Büscher liest am Donnerstag, 26. August, 19.30 Uhr, im Ev. Kirchenzentrum Vellmar-Stadtmitte, Kreuzbreite 64. Karten: Tel. 0561/8200748, 826561.

Zum Buch

Ein beeindruckendes Unterfangen, ein eindrucksvolles Buch: Ein Vierteljahr war Wolfgang Büscher zwischen der noch schneebedeckten Prärie Norddakotas und der Hitze am Rio Grande unterwegs - 3500 Kilometer meist entlang des Missouri und der Route 77. Büscher taucht auch tief in die Historie ein, schildert die Entdeckung der Prärie, die Forschungsreisen und Trecks gen Westen, den Untergang der Indianer, die Ausrottung der Büffel. Und das in einer literarisch ausgefeilten Sprache. Hartland. Zu Fuß durch Amerika, Rowohlt Berlin, 304 S., 19,95 Euro, Wertung: vier von fünf Sternen

Zur Person

Wolfgang Büscher, am 20. Mai 1951 in Volkmarsen geboren, studierte Politik in Marburg und arbeitete unter anderem für den „Spiegel“, „Geo“ und die „Süddeutsche“. Büscher war Ressortchef bei der „Welt“, seit 2005 ist er Autor für „Die Zeit“. Für sein Buch „Berlin-Moskau. Eine Reise zu Fuß“ (2003) nach einer 82-tägigen Wanderung bekam er den Tucholsky-Preis. 2005 folgte er dem deutschen Grenzverlauf („Deutschland, eine Reise“). „Wolfgang Büscher geht offenen Auges und vorurteilsfrei durch die Welt“, sagte Bundespräsident Horst Köhler 2006 in seiner Laudatio, als der Autor den Ludwig-Börne-Preis erhielt. Büscher ist verheiratet und hat zwei Kinder. Die Familie ist oft zu Besuch in Volkmarsen. Seine Tochter, so erzählte er, wolle später gern ins Haus der Oma ziehen. (vbs)

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