Áftritt im Kasseler Staatstheater

Wolfgang Niedecken dreht die Uhr zurück

Versöhnt mit seiner Geschichte: Wolfgang Niedecken bei seinem Kasseler Auftritt. Foto: Fischer

Kassel. Sonntagabend, im Foyer des Kasseler Schauspielhauses. Das soll Wolfgang-Niedecken-Publikum sein? Grauschöpfe, Glatzköpfe, ältere Herrschaften?

Mein alter Schulfreund, der mich schon vor fast 30 Jahren zu BAP in die Sporthalle Niestetal begleitet hat, lächelt: „Schau mal in den Spiegel.“

Der Abend wird ein großes, bejubeltes Weißt-du-noch, manche Augenblicke wie im Song, mit dem Niedecken beginnt: „Für’ne Moment woor ich ahm dräume. Für’ne Moment woor die Uhr öm zwanzig Johr zoröck jedrieht.“

Damals also Niestetal, nun, ungleich distinguierter, das Staatstheater. Gleich geblieben ist Niedeckens Ausdauer. Früher spielte BAP noch, als längst das Saallicht wieder angeschaltet war. Jetzt taucht der 61-Jährige, in Jeanshemd und mit Turnschuhen, aber das Haar ergraut und mit Lesebrille, über drei Stunden in die Vergangenheit ein, abwechselnd singend und aus seiner Autobiografie lesend. Bis er sich bei der zweiten Zugabe kurz vor 23 Uhr wundert: „Morgen ist doch in Kassel ein Arbeitstag?“

Es geht viel um Rückschau, Selbstvergewisserung und Verwurzelung in Niedeckens kölschen Texten. Um das, was „unauslöschlich singe Stempel enjebrannt“ hat, wie er in „Nie met Aljebra“ singt. Er verdoppelt die Erinnerungsbilder noch, indem er Szenen erst schildert, dann den passenden Song hinzufügt. Wunderbare Miniaturen entstehen so, gerade aus der Kölner Südstadt, etwa vom Lebensmittelladen der Eltern.

„Totaler Missbrauch“

Niedecken spart Bitteres nicht aus. Er erzählt erschütternd vom „totalen Missbrauch“ im Internat, von Beklemmung und Angst, von der resignierten Sprachlosigkeit im Verhältnis zum in sich gekehrten, so schrecklich sparsamen Vater, dem er mit „Verdamp lang her“ später ein musikalisches Denkmal setzte. Dessen Wohnzimmertisch, einst als Inbegriff der Spießigkeit empfunden, steht jetzt in Niedeckens Arbeitszimmer.

Er schrammelt und singt, die Stimme in den Höhen etwas angegriffen, uralte Lieder, die fremd klingen und so vertraut, „Helfe kann dir keiner“ und ein herrliches „Ruut, wiess, blau querjestriefte Frau“. Er schwärmt von Rory Gallagher, plaudert über den Gott des Alten Testaments, den er sich vorstellt wie Clint Eastwood in seinem Spätwerk („schlecht drauf aber gerecht“), der aber den Kölnern den Dialekt geschenkt hat („Babylon“). Er lässt das Publikum bei den Kinks mitsingen („Dedicated Follower Of Fashion“), aber erzählt auch von Kindersoldaten in Uganda. Da ist es mucksmäuschenstill. Von seinem Schlaganfall jedoch kein Wort.

In der Pause sagt mein Freund: „Dem würde ich alles abnehmen.“ Niedecken wirkt - es gibt kein besseres Wort - authentisch. Versöhnt mit seiner Geschichte, im Frieden auch mit seiner Stadt, sogar mit dem Karneval, an dem er sich Jahrzehnte gerieben hat.

Ganz zum Schluss singt Niedecken das den Multikulti-Alltag feiernde „Unser Stammbaum“, ein kölsches Mitklatsch- und Schunkel-Lied der Bläck Fööss. Das hätten wir vor 30 Jahren auch nicht gedacht. (vbs)

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