Der Komponisten-Enkel und langjährige Festspielleiter Wolfgang Wagner starb mit 90 Jahren

Der Held von Bayreuth

Saß 57 Jahre auf dem Bayreuther Chefsessel: Wolfgang Wagner (1919-2010), Enkel des Komponisten Richard Wagner. Foto: dpa

Kaum zu fassen, was dieses Leben umschloss. Konzentriert auf einen einzigen Ort, Bayreuth, verkörperte Wolfgang Wagner ein knappes Jahrhundert deutscher Geschichte. Geboren wurde er am 30. August 1919 in der fränkischen Provinzstadt, und hier starb er am vergangenen Sonntag im Alter von 90 Jahren.

Bayreuth, der Ort, an dem sein Großvater Richard Wagner (1833 - 1883) sich selbst mit dem Festspielhaus ein Denkmal gesetzt hatte, das zum Kultort für Musikfreunde in aller Welt wurde.

Dass die Faszination Bayreuths und seiner Wagnerfestspiele heute größer scheint denn je, ist zu einem erheblichen Teil das Werk des Komponistenenkels Wolfgang Wagner.

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Die Generationenfolgen sind lang in der Wagner-Sippe, und als Wolfgang Wagner geboren wurde, war sein Großvater bereits 36 Jahre tot. Wolfgang wuchs in die schwierigste Zeit Bayreuths hinein. Seine Mutter Winifred, die Hitler-Freundin, hatte Bayreuth unter das Zeichen des Hakenkreuzes gestellt, und mit der Befreiung vom Nationalsozialismus 1945 schienen auch die Bayreuther Wagner-Festspiele am Ende.

Doch schon 1951 wurde hier wieder gespielt. „Neu-Bayreuth“ hieß das Stichwort, und der Wagner-Enkel Wolfgang und sein Bruder Wieland waren es, die diese Wiederauferstehung in die Wege leiteten.

Viel wurde darüber geschrieben, wie sehr Wolfgang in dieser Phase darunter litt, hinter dem genialischen Bruder Wieland zurückzustehen, dessen von historischem Ballast befreite Inszenierungen gefeiert wurden. Doch nach Wielands frühem Tod 1966 übernahm Wolfgang Wagner die alleinige Verantwortung und führte die Festspiele 57 Jahre lang bis 2008.

Seine eigenen Inszenierungen von Wagners Opern wurden wegen ihrer Konventionalität zwar häufig kritisiert, doch war es Wolfgang Wagner, der Bayreuth für neue Regie-Ideen öffnete. 1972 sorgte eine Neudeutung des „Tannhäuser“ durch Götz Friedrich für Aufsehen, Patrice Chereaus „Jahrhundert-Ring“ von 1976 erntete zunächst Buhstürme, bevor er einige Jahre später als epochemachende Regietat bejubelt wurde. Als Wagner 2004 Christoph Schlingensief den „Parsifal“ inszenieren ließ, war Bayreuth endgültig im 21. Jahrhundert angekommen.

Doch da war der Ruf nach seinem Rücktritt längst laut geworden. Dem Patriarchen, der die Festspiele wie ein Familienunternehmen leitete, wurde vorgeworfen, das Festival entspreche in seinem Erscheinungsbild und vor allem bei den Sänger-Besetzungen nicht mehr höchstem Standard.

Doch der hartnäckige Komponisten-Enkel mit dem bärbeißigen fränkischen Humor wollte so lange die Stellung halten, bis seine Tochter aus zweiter Ehe, die 1978 geborene Katharina, in der Lage war, die Festspielleitung zu übernehmen. Der Generation seiner älteren Kinder, Eva und Gottfried, und der seines Bruders Wieland, mit denen sich Wolfgang Wagner überworfen hatte, traute er die Aufgabe nicht zu.

Wagner scheute sich nicht, bei den traditionell heftigen Familienintrigen der Wagnersippe kräftig mitzumischen - und Bücher wurden über die Verwundungen geschrieben, zu denen dies führte. Dabei gehört es zur Faszination Bayreuths, dass bis heute die Familie Wagner die Festspielleitung in der Hand behalten hat - auch wenn die meisten Anteile der Festspiel-GmbH längst in öffentlicher Hand sind.

Als Wolfgang 2008 die Festspielleitung an seine Töchter Katharina und Eva Wagner-Pasquier übergab, da hatte sich sein Lebenswerk gerundet. Nach Richard Wagners Maßstäben reicht das für den Heldenstatus.

Von Werner Fritsch

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