Antony Gormleys faszinierendes „Horizon Field Hamburg“ in den Deichtorhallen

Wie auf Wolke sieben

Eine unvergleichliche Erfahrung: Der britische Künstler Antony Gormley (links) hat in den Hamburger Deichtorhallen in 7,40 Metern Höhe an Stahlseilen eine 49 mal 25 Meter hohe Plattform aufgehängt, die durch die Bewegung der Besucher leicht ins Schwingen gerät. Fotos:  dpa/Deichtorhallen

HaMBURG. Zurückhaltend setze ich den ersten Schritt. Ein vorsichtiges Tasten. Auf Strümpfen. Die Schuhe musste ich wie meinen Rucksack am Eingang abgeben. Dann bin ich durch die riesige Nordhalle der Deichtorhallen in Hamburg bis zu einer Treppe gelaufen und habe die gigantische Plattform erklommen, die der Brite Antony Gormley an acht Stahlspiralkabeln in 7,40 Metern Höhe in die 19 Meter hohe, 2500 Quadratmeter große, hundert Jahre alte Halle mit ihrer eindrucksvollen Stahldachkonstruktion gehängt hat.

Nun betrete ich also zögernd die 49 mal 25 Meter große schwarze Fläche. Sie besteht aus glänzendem, schwarzen Epoxidharz. Alles spiegelt sich darin: das Dach, Licht von draußen, vor allem die Menschen, die bereits auf der Plattform umhergehen und liegen. Es fällt zuerst schwer, den Blick irgendwo festzumachen.

Bald die nächste Irritation. Die Plattform bewegt sich, sie schwingt leicht hin und her. Der Boden reagiert auf Bewegungen. Jeder nimmt, indem er umhergeht, sich setzt, wieder aufsteht oder gar hüpft, Einfluss auf die Wahrnehmung des anderen. Das ist merkwürdig: Mein anfangs etwas unsicheres Empfinden ist etwas Ureigenes, das aber im gleichen Moment von zahlreichen Menschen geteilt und sogar beeinflusst wird. Menschen, die ich gar nicht kenne. Nach einer Weile wird das Schwingen zur äußerst angenehmen Erfahrung: abgehoben, losgelöst von der Wirklichkeit, wie auf Wolke sieben. Ich lege mich hin, schließe die Augen, spüre das sanfte Schaukeln. Eigentlich will ich jetzt die Plattform für Stunden nicht verlassen. Ich stelle mir vor, wie die Kollegen vom angrenzenden „Spiegel“-Gebäude in ihrer Mittagspause mal eben der Realität entfliehen, für eine erholsame Weile schweben gehen können - der Eintritt ist frei.

Später lese ich, dass Gormleys begehbare Installation „Horizon Field“ für Statiker und Stahlbaufirma eine Herausforderung war. Dass sie sich als horizontales Gemälde verstehen lasse, in dem man zur Figur auf einer offenen Fläche wird, sowie als „Vehikel eines globalen gesellschaftlichen Austauschs“. Dass in diesem Freiraum „neue diskursive Handlungsformen angesiedelt werden“ könnten. Solchermaßen überfrachtet zu werden, braucht diese faszinierende Arbeit aber gar nicht, weil der sensationelle Sinneseindruck für sich allein spricht. Die Deichtorhallen, die programmatisch für das Genre- und Grenzüberschreitende in der Kunst stehen, wollten extra zur documenta 13 ein „gewaltiges Signal“ setzen. Das ist geglückt.

Bis 9. September, Deichtorstr. 1-2, Tel. 040/321030, www.deichtorhallen.de

Von Mark-Christian von Busse

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