Sie wollen nicht nach Berlin: Kraftklub aus Chemnitz sind die Band der Stunde

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Machen Musik zwischen Tocotronic und den Atzen: Frontmann Felix Brummer (Mitte) und seine Bandkollegen von Kraftklub tragen stets Polohemden und Collegejacken - wenn sie nicht nackt auftreten wie bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest.

Die fünf jungen Musiker der Chemnitzer Band Kraftklub haben die Mechanismen des Pop-Geschäfts verstanden: Man muss nicht der Beste, aber originell sein. Im Herbst traten die Sachsen für ihr Bundesland nackt bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest auf.

Sie hatten sich Hemd und Hosen auf die Haut malen lassen, spielten ihre zackige Anti-Hauptstadt-Hymne „Ich will nicht nach Berlin“ und kamen auf Platz fünf.

Dass Überflieger Tim Bendzko den Wettbewerb überlegen gewann, das hat man in einigen Jahren vergessen, aber an die fünf nackten Musiker von Kraftklub zur besten Sendezeit bei Pro 7 wird sich noch jeder erinnern.

Auch ihr Debütalbum ist musikalisch kein Meilenstein, trotzdem wird es am Ende dieser Woche wohl in den Top Ten der Charts stehen. Die 13 eingängigen Songs auf „Mit K“ sind eigentlich strutzlangweiliger Indierock, den sich die 2010 gegründete Gruppe um Sänger Felix Brummer bei den Hives abgeschaut hat - und trotzdem sind Kraftklub völlig zu Recht die Band der Stunde.

So viele sloganhafte Parolen hat man seit den frühen Tocotronic auf keinem deutschsprachigem Album mehr gehört. „Ich will nicht nach Berlin“ wurde selbst beim ausverkauften Konzert in Berlin-Friedrichshain von allen mitgegrölt. In der Jugendhymne „Zu jung“ singt der 22-jährige Brummer: „Unsere Eltern kiffen mehr als wir. Wie soll man rebellieren? Egal wo wir hinkommen, unsere Eltern waren schon eher hier.“ In „Karl-Marx-Stadt“ zitieren Kraftklub Beck und seinen „Loser“-Hit aus dem Jahr 1994: „Ich komm aus Karl-Marx-Stadt, bin ein Verlierer, Baby, original Ostler.“

Ihre Plattenfirma weiß, dass Verlierer sexy sind und schreibt: „Es ist wie mit den armen Tieren im Zoo, man möchte ihnen über die traurigen Köpfe streicheln.“

Dabei ist Chemnitz doch auch Heimat der Gewinner: Eislaufkönigin Katarina Witt und Fußball-Idol Michael Ballack sind im einstigen Karl-Marx-Stadt groß geworden, aber schon lange weg. Die Jugend macht es ihnen heute nach. 25 Prozent der Einwohner sind älter als 65. In 20 Jahren soll Chemnitz demografisch gesehen die älteste Stadt Europas sein.

Kraftklub haben sich trotzdem entschieden zu bleiben - und nicht wie die meisten Musiker in die Kreativ-Metropole an der Spree zu ziehen. „Wer Chemnitz nicht verlassen will, muss sich rechtfertigen“, sagt Frontmann Brummer, dessen Bruder Till Bass spielt. Ihre Eltern waren zu DDR-Zeiten Mitglieder einer Avantgarde-Band. Nun wissen auch ihre Kinder, wie es ist, anders zu sein als die Mehrheit.

Trotzdem könnte ihre Musik, die ein Kritiker „Ritalinrock“ nannte, bald Mainstream sein. „Wir sehen uns in der Mitte zwischen Tocotronic und den Atzen“, sagt Brummer. Damit das keiner überhört, singt er auf „Mit K“: „Wir sind deine neue Lieblingsband.“ Könnte stimmen.

Kraftklub: Mit K (Vertigo/Universal). Wertung: vier von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

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