Ben Becker und Giora Feidman beim Kultursommer Nordhessen

Der letzte von 50 Auftritten: Giora Feidman (Klarinette) und Ben Becker würdigten Paul Celan (im Hintergrund). Foto: Fischer

Kassel. Eine Rezitation mit Musik, die unnachahmlichen Alleinstellungswert bot, glückte Ben Becker und Giora Feodman bei ihrem Auftritt beim Kultursommer Nordhessen in Kassel.

Schwierig, dunkel, hermetisch – die Lyrik von Paul Celan ist ebenso berühmt wie unverstanden. Die „Todesfuge“, die das Grauen der NS-Lager in ein Gedicht fasst, hat es bis in die Lehrpläne geschafft. Was passiert nun, wenn mit Ben Becker ein bekannter Schauspieler und mit Giora Feidman die Edelstimme des Klezmers einen Abend mit Texten Celans veranstalten wie am Freitagabend beim Kultursommer?

Es war eine Rezitation mit Musik, die unnachahmlichen Alleinstellungswert bot. Die Faszination der Lyrik ließ die Zuhörer in der ausverkauften eiskalten Reithalle am Schlosshotel vom ersten Wort an still werden. Durch Ben Beckers rauchige Stimme wurde der Klang geborgen, den der Dichter in seinen Worten verschloss. Becker imitiert Celans schnelle eintönige Rezitation nicht, von der Tonaufnahmen erhalten sind (unglaublich: Beim Treffen der Gruppe 47 verglich Hans Werner Richter 1952 Celans Vortrag der „Todesfuge“ mit der Rhetorik von Joseph Goebbels), sondern trägt alle Farben seiner Stimme auf, immer hart an der Grenze zur Selbststilisierung über den Text hinaus.

Das ist nicht irgendein Job für ihn, das spürte jeder. Es zuckt ihn in den Fingern, er erlaubt sich schauspielerische Gesten, die spontan zu entstehen scheinen. Die Emotion ist nur mühsam einzudämmen, am Ende hilft nur eine Zigarette.

Zur Musik der Worte kam die Musik der Klarinette. Der 79-jährige Feidman spielte, was er immer spielt: veredelten Klezmer, leise, singend, zutiefst menschlich. Doch diente seine Musik, zart untermalt von Gitarre (Reentko Dirks) und Kontrabass (Guido Jäger), nicht zur Verstärkung der gewaltigen Gedichte und Briefausschnitte. Eher nahm sie zurück, milderte, erdete das Unfassbare.

Pures Gefühl dann am Ende nach der Verneigung der beiden Protagonisten vor dem Porträt Celans. Es war der letzte von fünfzig Celan-Abenden. Tränen auf der Bühne, Rührung im mehrheitlich weiblichen Publikum.

Von Johannes Mundry

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