Das sechste Kasseler Kulturnetz-Fest lud zu einem poetischen Gastmahl mit mehreren Gängen

Wo Worte wie Schokolade sind

Verbrachten einen Abend im Zeichen der Sprachkunst: Ingrid Lübke vom Kulturnetz (von links), Ulrich Holbein und Wolfram der Spyra. Hinten von links: Adrian Palka (im hellen Jackett), Valerie Scherstjanoi, Georg von Meibom (ganz hinten), Hanna Bayer, Jürgen O. Olbrich, Dr. Stephan Krass, Steffi Jüngling, Isabeella Beumer und Dr. Friedrich Block. Foto: Schachtschneider

Kassel. Eine strenge Taktung hatte Organisator und Moderator Friedrich W. Block vorgegeben. Alle sieben Minuten wechselten beim sechsten Kulturnetz-Fest am Freitagabend die Wortkünstler, ließen die Schriftsteller, bildende Künstler und Musiker das Wort, so das Motto an diesem Abend „auf der Zunge zergehen“. Ein poetisches Gastmahl mit mehreren Gängen, das der Kasseler „Literaturpapst“ Block mit sichtlichem Vergnügen und einem wachen Auge auf die Zeitlimitierung den zahlreich erschienenen Gästen kredenzte.

Das Foyer der Eon wurde so zu einem Raum der Worte und Klänge, der Bilder und Spielregeln, der Computerprogramme und Gesänge. Einer der Höhepunkte war sicherlich die Performance der internationalen Stimm- und Sprachkünstlerin Isabeella Beumer, die sich als Hohepriesterin der Wortkunst lautmalerisch in die Sprache schlängelte und im Koloraturgesang der Vokale das Reale mit dem Poetischen verband.

Zuvor hatte Stephan Krass (Karlsruhe / New York) in seinen Anagrammgedichten auf verblüffende Weise die Spielregeln der Wortkunst bewiesen und deutsche Klassiker durch ein neues Versmaß errechnet.

„Wanderers Nachtlied“ wurde da zu einem versunkenen Schatz, Neues überlagerte Altes. Mit Expeditionen ins Lautland begeisterte der Südrusse Valeri Scherstjanoi in seiner Heimatsprache („Poesie ist nicht übersetzbar“). Einen Diaabend ohne Dias bot der Kasseler Performer und Medienkünstler Jürgen O. Olbrich zusammen mit Hanna Mayer. Vor einer leeren Leinwand warfen die Künstler einzelne Diarahmen auf die Bühne und skandierten dazu Städtenamen und Nonsensworte. So trieben sie Ironie und tiefere Bedeutung auf die Spitze.

Das Sprachakrobatik-Gastmahl der unendlichen Möglichkeiten ergänzte Ulrich Holbein aus dem Knüllwald mit seiner Sufi-Dance-Lesung, einem wortadaptierten Kreiseln von Herbstblättern: Skurrilität, die die Bilder in den Köpfen nahezu von selbst herstellte. Während Steffi Jüngling mit einer Sprechblase per Luftballon amüsierte, koppelten der Kasseler Klangkünstler Wolfram der Spyra und sein englischer Kollege Adrian Palka ihre Kunst an die Elektronik. Sie simulierten per Computerprogramm und Klang Gespräche und Nonsens.

Auf die Vielfalt der regionalen Wort- und Literatur-Szene hatten zuvor Vorstandsmitglied Georg von Maibom von Eon Mitte und die zweite Vorsitzende des Kulturnetzes, Prof. Dr. Ingrid Lübke, hingewiesen. Friedrich W. Block, der das Fest ausgerichtet hatte, verwies noch einmal auf die Heimat der literarischen Projekte in der Stiftung Brückner-Kühner und dem Kunsttempel. So entstand vor allem ein offener, künstlerischer Sprachraum, der sich gegen den Strom stellt.

Von Juliane Sattler

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