„Art and Press“ in Berlin zum Verhältnis von Kunst und Medien

Worte sind wie Zeichen

Einer von 56 Künstlern zu Kunst und Medien: Olaf Metzel mit der Arbeit „Und dann noch das Wetter“. Foto: Berliner Festspiele

Berlin. Ai Weiwei kann sein Land noch nicht verlassen. So fuhr Ausstellungsmacher Walter Smerling von der Bonner Stiftung Kunst und Kultur nach Peking, um ihn von der Teilnahme an der Schau „Art and Press“ im Berliner Martin-Gropius-Bau zu überzeugen. Da interessiert es, was Weiwei beiträgt: Würde sich seine Arbeit auf die Pressefreiheit beziehen oder auf den Untertitel „Kunst, Wahrheit, Wirklichkeit“? Und wie sieht sie aus?

Er brachte eine Skulptur auf den Weg, die spröde wirkt und es doch in sich hat. Die unbetitelte Installation besteht aus Armiereisen-Stäben, Relikte einer Naturkatastrophe und des menschlichen Versagens. Sie fehlten in ausreichender Zahl an Gebäuden wie der Beichuan High School, die 2008 durch ein Erdbeben umso rascher in sich zusammenfiel. Die Schule war fehlerhaft konstruiert. In den chinesischen Medien war davon natürlich nicht die Rede.

Dezidiert politischen Inhalts bei schöner Fassade ist Jenny Holzers luzider Beitrag „Torso“. Die Konzeptkünstlerin macht brisante Vernehmungsprotokolle des US-Militärs in flirrenden LED-Spruchbändern öffentlich. Die Worte flimmern wie Zeichen so rasch vorbei, dass man ihren Inhalt gar nicht aufnehmen kann. So substanziell sind nur wenige der 56 Künstler unterwegs, die die lehrreiche Ausstellung zur Wechselwirkung von Kunst und Zeitung aufbietet.

Hochinteressant erscheinen die Antworten von Sigmar Polke und Adam McEwen auf die Frage: Wird die Lüge durch Kunst zur Wahrheit? Während man bei der Nachruf-Lektüre des Briten auf noch lebende Persönlichkeiten dies verneinen darf, schafft Polke in seiner Bilderserie „Original + Fälschung“ von 1973 ironisch Fakten, die die Frage eher bejahen. Toll, wie er mit Autorschaft, Wahrnehmung und Wirkung von Bildern spielt.

Im Lichthof des Gropius-Baus hat Anselm Kiefer einen großen Auftritt - einer von 15 Künstlern, die für die Ausstellung neue Arbeiten schufen. Kiefers „Buchstaben“ sind eine poetische Inszenierung aus Sonnenblumen. Die wuchern aus alten Druckmaschinen und verlieren statt Kerne Bleisatz-Buchstaben. So sieht die Gefährdung der Sprache also aus. Gut, und dabei gibt sie dem Besucher einen Denkanstoß. So ist es bei Malern wie Günther Förg, Daniel Richter oder Luc Tuymans nicht.

Zu oft und nahe liegend treten Zeitungen als Werkstoff oder Pressefotos als Vorlagen in Erscheinung. Andere operieren platt, indem sie griffige Schlagzeilen plakatieren wie Gilbert & George oder Franz West, Zeitungspapier zu Pappmaché verknödeln und bemalen. Nicht jeder Maler oder Bildhauer ist ein brillanter Denker.

Bis 24. Juni im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, www.berlinerfestspiele.de

Von Andrea Hilgenstock

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