Uraufführung von Nino Haratischwilis „Zorn“ im Deutschen Theater in Göttingen

Wucht eines Urgefühls

Dieses Stück strotzt vor Leben: Norman Grüß, Gerd Zinck, Nora Decker und Meinolf Steiner (liegend) in „Zorn“. Foto: Winarsch

Göttingen. „Noch ein bisschen, und dann explodieren wir“ - zur Selbstzerstörung oder in einen Neuanfang? Nino Haratischwili vermisst eine Urgewalt. Das Stück der jungen georgischen Autorin zeigt eine archaische Gefühlsregung in einer modernen Welt, gewaltig gegen die anderen, die Welt, sich selbst. Im Deutschen Theater in Göttingen kam „Zorn“ zur Uraufführung.

Die Welt ist leck, überall tropft es von der Decke in Eimer. Hinter den Akteuren türmt sich die Bühne auf. Für die einen ist sie der Sisyphosberg, an dem sie sich abmühen, ohne voranzukommen, für die anderen die Welle, die nur darauf wartet, über ihnen zusammenzubrechen und alles mitzureißen (sparsam effektives Bühnenbild: Lea Dietrich).

Die Zeichen in dieser Welt stehen auf Sturm. Anton hat eine Bombe gebaut, damit Tony nicht weggeht. Rula kennt von Kindheit an Gewalt, Oskar hält sich für einen Naturirrtum. Bei Celia und Adam ist die Partnerschaft lange weg, ehe ihr Sohn verschwindet. Martha versenkt ihren Selbsthass in Schwarzwälder Kirschtorte, Rafael seinen Hass auf die Welt in Menschen, die er verhört.

Alle reißt der Sturm des Zorns mit, die Szenen wechseln rasch. Die Wucht, die sich dabei entwickelt, knallt dem Zuschauer in lauten Tiraden, in harten Worten mitten ins Gesicht. Verstört sind die Figuren, aggressiv und dabei, sich zu entgrenzen. Regisseur Felix Rothenhäussler trägt der komplexen Anlage des Stückes Rechnung, indem er sie ebenso behutsam wie unbeirrbar an ihren Extrempunkt treibt. Nach und nach werden allerorten Verflechtungen zwischen den Charakteren sichtbar. Sie sind kein Netz, das sie auffängt, sondern Fesseln, die ins Fleisch schneiden.

Kraft zur Veränderung

Am Ende ist es einzig das junge Paar Anton und Tony, das Zorn auch als Kraft zur schaffenden Veränderung einzusetzen vermag und Hoffnung gibt. Norman Grüß und Marie Bauer verleihen ihren Rollen eine jugendliche Mischung aus Ungestüm und Tiefe, die sie nahbar macht. Sie lassen Gutes erwarten für die Kooperation der Hochschule für Musik und Theater Hannover mit dem DT, deren Auftakt „Zorn“ bildet.

Das Stück geht keiner Auseinandersetzung aus dem Weg. Es strotzt vor Leben, schroff und kompromisslos. Einige unnötige Vulgarismen und arg kleinteilige Steigerungen in einem gelungenen Ganzen mögen dem Überschwang geschuldet sein. Das Publikum im nicht ganz ausverkauften Haus braucht einige Zeit, um aus Anspannung zum Beifall zu finden. Respektvoll anhaltender Applaus, der für die Autorin kurz aufbrandet.

Nächste Termine: 26.2., 1.3., 5.3., 19.45 Uhr. Karten: 05 51 / 49 69 11. www.dt-goettingen.de

Von Jan Löffel

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