Premiere

Sie würde das Stück verreißen: "Fräulein Agnes" von Rebekka Kricheldorf in Göttingen uraufgeführt

Die Brusthaarfrisur und jede Pose sitzen: Bloggerin Fräulein Agnes (Rebecca Klingenberg, links) mit ihren Kunstfreunden (von links) Christoph Türkay, Felicitas Madl, Angelika Fornell und Gaia Vogel. Foto: Pauly

Göttingen. Rebekka Kricheldorf ist eine der gefragtesten deutschen Bühnenautorinnen. Nach ihrem gefeierten Werk "Homo Empathicus" hat die Berlinerin erneut eine Auftragsarbeit für das Deutsche Theater Göttingen abgeliefert. "Fräulein Agnes" stellt die Frage, wie viel Wahrheit der Kulturbetrieb aushält. 

Vielleicht hätte Fräulein Agnes wenigstens Peter Licht gut gefunden. Der Kölner Musiker sang vor einigen Jahren bei seinem Auftritt im Deutschen Theater in Göttingen den sehr ehrlichen Satz: „Gesellschaft ist toll, wenn nur all die Leute nicht wären.“ Und Fräulein Agnes, die Titelheldin in Rebekka Kricheldorfs (42) neuem Theaterstück, das am Freitag bei seiner Uraufführung unter der Regie von Intendant Erich Sidler zu Recht gefeiert wurde, verachtet so ziemlich alle Leute.

Als Bloggerin schreibt sie über Kultur, Lifestyle und Menschen, die sie satthatt: „Paare, die sich an einen ranschmeißen, weil sie ihre Zweisamkeit nicht aushalten; Singles mit ihrem verlogenen Geschwätz von Freiheit; Raucher, militante Ex-Raucher und Gelegenheitsraucherschweine, schamhaarlose Godard-Versteher, redenschwingende Regionalpolitiker, die glauben, sie hätten irgendeine Ahnung von Kunst, nur weil ihre Mama sie mit zwölf mal in eine Dalí-Ausstellung geschleppt hat.“ Fräulein Agnes hat „die ganze Menschheit satt“.

Schon nach ihrem fünfminütigen Eingangsmonolog, der wie Maxim Billers legendäre „Tempo“-Kolumne auch „100 Zeilen Hass“ hätte heißen können, bekommt Hauptdarstellerin Rebecca Klingenberg Szenenapplaus. Die Verachtung von Fräulein Agnes ist jedoch keine aufgesetzte Attitüde, sondern eine Tugend. Einmal schreit sie Ingeborg Bachmanns Zitat „Die Wahrheit ist dem Menschen zuzumuten“ in das voll besetzte Theater.

Rebekka Kricheldorf

Selbst ihren Sohn, den Nachwuchs-Popsänger Orlando (Marius Ahrendt) und dessen von Jan-S. Beyer komponierte Musik verreißt sie in ihrem Blog. Wer liebt, muss ehrlich sein.

Wie Molière und Thomas Bernhard behandelt Kricheldorf, die längst eine der gefragtesten deutschen Bühnenautorinnen ist, die Frage, ob radikale Ehrlichkeit moralisch angebracht ist.

„Ich versuche nur, ein guter Mensch zu sein“, beteuert Fräulein Agnes einmal. Mit ihrem Fairphone zeichnet sie sogar ihre Freunde (Angelika Fornell, Florian Eppinger) auf, um deren Liebeslügen zu entlarven. Selbst träumt sie von einem Leben auf dem Land mit ihrem Künstlerfreund Sascha (Christoph Türkay). Der aber will sein Großstadtleben mit skurrilen Filmperformances und Groupies, die ihn anhimmeln, niemals aufgeben.

Trost erfährt Agnes lediglich von ihrem besten Freund Elias, der im antiken Denkerkostüm küchenphilosophische Weisheiten von sich gibt und fragt, warum alle nur noch Grapefruit statt Pampelmuse sagen. Die Figuren dieser Kultur-Bohème mögen klischeehaft sein, aber wer zuletzt auf der Kasseler documenta war, weiß, dass das wahre Leben voller Klischees ist.

Hübsches Tanztheater-Yoga

Über Sidlers Inszenierung würde Fräulein Agnes schreiben, sie neige bisweilen zur Geschwätzigkeit wie ein Godard-Versteher. Der Erkenntnisgewinn wäre ihr wahrscheinlich zu gering. Und die von Friedel Vomweg schräg aufgestellte Bühne würde sie an eine sehr hässliche Terrakotta-Fliese erinnern.

Dennoch ist „Fräulein Agnes“ wie schon Kricheldorfs erste Göttinger Auftragsarbeit „Ho- mo Empathicus“ ein Vergnügen – wegen der Dialoge, die die Schauspieler oft in Tanztheater-Yoga-Posen aufsagen (Choreografie: Valenti Rocamora i Trora), und wegen des starken Ensembles. Einer der Schauspieler bekommt zwischendurch ein besonders ehrlich gemeintes Lob: Als eine Zuschauerin zum x-ten Mal den ihrer Ansicht nach knackigen nackten Hintern von Elias-Darsteller Florian Donath sieht, sagt sie: „Das ist herrlich anzuschauen.“

„Fräulein Agnes“: Nächste Vorstellungen am 4. und 21. Oktober. Karten: 0551 / 4669-300.

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