Brian Enos neues Album „Small Craft On A Milk Sea“ berückt und verunsichert

Wüstensanft und arktisklar

Meister der Ambient-Musik: Brian Eno. Foto: Verstärker

Der britische Musiker Brian Eno schätzt das Gespräch über die Zukunft. Fragen über Musik möchte sich das Gründungsmitglied von Roxy Music, der Miterfinder der Ambient-Musik (sanfte elektronische Hintergrundklänge) ist, lieber nicht stellen lassen. Zur Musik, sagte er kürzlich der „Süddeutschen Zeitung“, „gibt es eigentlich nie was zu sagen. Deshalb gibt es sie ja.“

Nun ja. Nur weil einem zu mancher CD partout nichts einfallen will, heißt das nicht, der Mann hat recht. Gleichwohl sind rundum verschwiegene Musiker nicht die schlimmste Zukunftsvision.

Eno selbst, Produzent von Coldplay- und U2-Alben und mitverantwortlich für die Entwicklung der iPhone-Programme „Bloome“ und „Trope“, zieht sich mit seinem jüngsten Album souverän aus der Affäre: „Small Craft On A Milk Sea“ ist ein Werk von wortloser Beredsamkeit - im ersten und letzten Drittel eine klassische Ambient-Arbeit und „Music For Films“ aus dem Jahr 1978 durchaus vergleichbar.

Gemeinsam mit zwei wesentlich jüngeren Musikern, Leo Abrahams und Jon Hopkins, hat der 1948 im britischen Woodbridge geborene Eno mit flächigen Synthie-Sounds, gedämpftem Klavier- und verhaltenem Gitarrenspiel wüstensanfte und arktisklare Klanglandschaften kreiert, deren vorgestellte Endlosigkeit einen gleichermaßen berückt wie verunsichert.

Die mittleren sechs Stücke hingegen markieren einen deutlichen Bruch; hier generieren hyperaktive, bisweilen harsche Rhythmusmuster und ein ganzer Mikrokosmos überlegt ungemütlicher oder mindestens fremd erscheinender Geräusche und Sounds eine kontrolliert aggressive Welt dramatischer „Film“-Höhepunkte. Der Mann, der nicht über Musik spricht, nennt sie in der Album-Info „spiegelverkehrte Stummfilme: nur Ton-Filme, sozusagen“.

Selten geht es im Kopfkino von Zuhörern konkreter zu als in der Musik selbst. Es sei denn, Erinnerungen an Gehörtes und dabei mit konkreten Ereignissen Verbundenes geraten ins Bewusstsein. So mag es nicht wenigen, häufig auf Zufallsimprovisationen beruhenden Stücken des Albums passieren, dass sie ihre Unschuld verlieren, weil die Vergangenheit ihren Tribut fordert: Mit seinen weit ausgeschlagenen, superzarten Pianoakkord-Folgen erinnert „Emerald And Stone“ stark an Angelo Badalamentis Soundtrack zu David Lynchs „Twin Peaks“ und verweist damit bildhaft auf einen fürchterlichen Abgrund unter all der Schönheit.

„Flint March“ wiederum, ein vorzügliches Tech-Dubstep-Kleinod mit Tribal-Rhythmen, erinnert an den vielleicht besten Dubstep-Produzenten überhaupt, den Engländer Scuba, sowie an metallisch-mystische Nächte im längst berühmten Berliner Club Berghain, dessen Dubstep-Reihe von der Gegenwart der Zukunft erzählt.

Brian Eno: Small Craft On A Milk Sea (Warp / Rough Trade). Wertung: !!!!:

Von Michael Saager

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.