Auf „Wake Up The Nation“ gibt sich Paul Weller, der Erfinder des Britpop, unzugänglich wie lange nicht

Wütend auf den Zustand der Welt

Sammelte hervorragende Musiker um sich: Paul Weller hat das Album „Wake Up The Nation“ eingespielt. Foto: Universal

Selbst für ihn war es angeblich eine Premiere: Vor kaum 80 Leuten spielte Paul Weller neulich in der Kreuzberger Kneipe „Wiener Blut“, begleitet nur von einem zweiten Gitarristen und einem Mann am Cello.

Neben einer Hand voll alter Hits (ganz hervorragend „Into Tomorrow“ von seinem Solo-Debüt) gab’s einige neue Stücke. Und da die in dieser reduzierten Instrumentierung sehr intensiv klangen, überrascht es doch, dass „Wake Up The Nation“ ein Album ist, das sich aus dem Klang heraus, nicht durch Songs, definiert. Nicht auf die Produzenten-Weise, die „Wild Wood“ ausmachte, auch nicht durch die kühle Eleganz, die man von Style Council kennt. Aber man bemerkt am zehnten Weller-Album eine gehörige Liebe zum Krach und zur Improvisation. Wut, so sagt der Meister, dessen letzte Platte „22 Dreams“ vor zwei Jahren eher ruhig daherkam, sei einer der Motoren hinter dieser Platte. Das Personal, das sich zu den Sessions in Wellers Black Barn Studios einfand, war denkbar geeignet, um diese Wut musikalisch umzusetzen.

Bruce Foxton, mit dem Weller seinerzeit The Jam gründete, bediente bei zwei Stücken den Bass. Für die Gitarre verpflichtete er Kevin Shields, der in den späten 80er-Jahren mit My Bloody Valentine und Spiritualized Lärmgeschichte schrieb. Am Schlagzeug saß Bev Bevan, mit 64 Jahren Senior der Truppe, früher bei The Move und Electric Light Orchestra am Start.

Die Besten der 60er, 70er, 80er-Jahre also zusammengepfercht in einem Studio. In der Tat eine Zusammenstellung, die manchmal etwas irritierend anmutet und sich in Momenten etwas zu sehr auf ihr von den Protagonisten selbst festgelegtes „Anything Goes“ verlässt.

An anderer Stelle geht die Rechnung durchaus auf - nachzuhören etwa im verspielten Kurzinstrumental „Whatever Next“ oder dem lauten „Up The Dosage“, aber auch wenn man das große Ganze betrachtet. Weil nicht nur die Musik, sondern auch die Botschaft verdichtet wurde. Wut, wie gesagt. Auf das System der etablierten Parteien, auf das, was einem Tag für Tag in den Massenmedien um die Ohren geballert wird.

Spucken und Motzen

Weller bleibt kurz und knapp, nach gerade mal einer guten halben Stunde lässt er „Wake Up The Nation“ enden. Er spuckt und motzt zum Zustand der Nation, und das mit bemerkenswerter Intensität.

Dass er zwischen ruppige Nummern wie den Titeltrack aber immer wieder groß inszenierte und eigentlich simple Lieder über die Liebe und das damit verbundene Leiden einbaut (herrlich: „No Tears To Cry“), erdet das Album, bewahrt es vor einem Abkippen ins Kraftmeierische. (tx)

Paul Weller: Wake Up The Nation (Island/Universal). Wertung: !!!!:

Von Jochen Overbeck

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