Wütender Tanz

Der israelische Star-Choreograf Hofesh Shechter in Kassel

Begehrter Choreograf: Hofesh Shechter bei Proben mit der Kasseler Tänzerin Ann-Christin Zimmermann. Foto: Mierke

Der Israeli Hofesh Shechter ist derzeit der gefragteste Choreograf in Europa. Nun ist erstmals eines seiner Stücke in Kassel zu sehen. Ein Porträt.

Kassel. Schon als Kind muss der Star-Choreograf Hofesh Shechter wütend gewesen sein. Der Israeli wuchs in Jerusalem auf, schmiss Scheiben ein und trat Türen kaputt. „Etwas war in mir begraben, das nach Beachtung schrie“, bekennt der 39-Jährige. Beachtung bekommt Shechter nun zuhauf. Der Wahl-Londoner gilt als der aufregendste Star der europäischen Tanzszene.

Nicht nur deshalb ist es eine Sensation, dass das Ensemble des Kasseler Staatstheaters ein Stück von ihm aufführt. Shechters Choreografie „Dog“ hat als Kasseler Fassung mit „Science! Fiction! Now!“ des heimischen Tanzdirektors Johannes Wieland Samstag, 19.30 Uhr, im Schauspielhaus Premiere.

Sieben Monate eines Jahres tourt der Kosmopolit, der lange in Paris lebte, als Choreograf durch die Welt. Gerade wurden seine Arbeiten in Karlsruhe und Köln gefeiert, während er schon nach Schanghai reiste. In Kassel war er nur für vier Tage. Aber diese vier Tage „ersetzen acht Wochen Probezeit“, sagt Tanzdramaturg Thorsten Teubl.

Kritiker feiern Shechters energetischen Stil und bescheinigen den Choreografien des studierten Schlagzeugers, der die Musik oft selbst komponiert, „die Wucht eines Rockkonzerts“. Shechter ist immer noch wütend. Seinen Durchbruch feierte er mit dem Stück „Political Mother“, in dem er mit der Politik und einer Gesellschaft abrechnete, die nichts mehr zusammenhält. Shechter hält Tanz nicht für politisch, wie er unserer Zeitung sagte, aber: „Er fördert die Beziehungen zwischen den Menschen. Politik macht das Gegenteil, sie spaltet.“

Vielleicht muss man so reden, wenn man in Jerusalem aufgewachsen ist. Der Nahostkonflikt hat ihn dazu gebracht, „Fragen zu stellen über die richtige Lebensführung, diese Obsessionen sind Teil meiner Arbeit“. Aber nicht nur die Konfrontation mit dem Schlechten beeinflusst seinen Stil. Die vielen Sprünge sind ein Verweis auf den Volkstanz, der ein wichtiger Teil der israelischen Kultur ist.

Shechter war Mitglied der Batsheva Dance Company, des bedeutendsten israelischen Ensembles. Seit 2008 hat er in London seine eigene Company.

In „Dog“ beschäftigt er sich mit der Evolution aus tierischer Sicht. Auch in der Kasseler Fassung tauchen Hunde, Delfine und Elefanten auf. „Ich betrachte den Körper als Tier, das ist eine interessante Perspektive“, findet Shechter, der vom Kasseler Ensemble schwärmt: „Es ist eine pulsierende, aufregende Company.“

Zeit für seine dritte Leidenschaft neben Tanz und Familie hatte Shechter in Nordhessen allerdings nicht: „Im nächsten Leben wäre ich gern Tennisspieler.“ Bei seiner Wut möchte man kein Filzball sein.

 

„Dog“, „Science! Fiction! Now!“: Premiere am Samstag, 19.30 Uhr, im Kasseler Schauspielhaus.

Karten: 0561/1094-222.

Von Matthias Lohr

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