Die Wunde schmerzt

Theatermacher Christoph Nix schimpft immer noch auf Kassel

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Christoph Nix, von 1999 bis 2004 Intendant des Staatstheaters Kassel.

Kassel. Als Intendant des Kasseler Staatstheaters hat Christoph Nix von 1999 bis 2004 für Aufsehen gesorgt. Nun hat er einen Text über seine Zeit in Nordhessen geschrieben, in dem er mächtig über Kassel schimpft.

Zehn Jahre ist es her, seit Prof. Christoph Nix die Intendanz des Kasseler Staatstheaters an Thomas Bockelmann übergeben musste. Es war seinerzeit kein freiwilliger Abgang gewesen - das Land Hessen und die Stadt Kassel hatten seinen Vertrag nicht verlängert.

Wie sehr den Theatermacher diese Wunde immer noch schmerzt, offenbarte der 59-Jährige jetzt in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung mit dem Titel „Wie ein Intendant das Fürchten lernt“. Darin schreibt Nix, der seit 2006 das Theater in Konstanz leitet, dass ihn ein früherer Kasseler Intendant, Ulrich Brecht (1966-72) gewarnt habe, nach Nordhessen zu gehen: „Da kann man nur scheitern.“

Ob sich Nix, der stets gern ein Zitat von Samuel Beckett im Munde führt - „Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“ -, sich dadurch erst richtig angespornt fühlte, 1999 von Nordhausen an die Fulda zu wechseln, ist nicht bekannt.

Doch nun beklagt er "die Mär, wir wären (in Kassel) gescheitert“ - um danach zu fragen: „Aber an wem? Am Publikum? Der nordhessischen Mentalität? Am Trauma einer kriegszerstörten Stadt?"

Letztlich macht Nix den „Kassel-Mief“ verantwortlich: „Die Documenta ist ein Potemkinsches Dorf. Sie hat dem reaktionären Alltag nichts genommen.“ So lässt sich natürlich ein Abschied inszenieren: „Ich hatte das Fürchten gelernt. Ich musste raus aus dieser Szene.“ Doch da war Nix bereits der Letzte des hoffnungsvollen Teams, mit dem er in Kassel angetreten war, etwa um das Musiktheater zu „revolutionieren“.

Die jungen Regisseure, die Nix mit bemerkenswertem Gespür ans Haus geholt hatte, Sebastian Baumgarten für die Oper, Armin Petras fürs Schauspiel und Henning Paar für den Tanz, hatten Kassel aus unterschiedlichen Gründen bereits verlassen.

Ihre teils grandiosen Inszenierungen (am spektakulärsten vielleicht Baumgartens „Rosenkavalier“), oft heftig umstritten, manche auch kläglich gescheitert, waren schon Geschichte, als Nix mit neuem Team das Haus künstlerisch ins Mittelmaß zurückfallen ließ - doch immer noch gern den Provokateur gab, der mit Vorliebe die Hand beißt, die ihn füttert.

Weshalb aber dieser Artikel? Nix nimmt den langen Anlauf über Kassel, um ein Loblied auf die Theaterprovinz zu singen. Aus der Kränkung, in Konstanz gelandet zu sein, wird eine Heldentat. Und so träumt er von einem deutschen Theatertreffen am Bodensee, wogegen das Berliner Theatertreffen „tiefe Provinz“ wäre. So müsste das ultimative Scheitern aussehen.

Von Werner Fritsch

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